Anachronismen
Asia, Travel Asia, capitalism, China, development, Guangzhou, Hong Kong, people, urbanism
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Es ist viele Monate her, seit ich den letzten Eintrag gemacht habe. Mit diesem und den folgenden Beiträgen werden auch mehrere Reisen übersprungen. Sei’s drum. Nun ist erstmal wieder China in lebhafter Erinnerung.
Wieder einmal beginnt eine längere Reise durch Asien in Hongkong. Man könnte die ganze Stadt und ihren politischen Status als Anachronismus bezeichnen. Aber auch im Alltag finden sich deplatziert wirkende Überreste aus einer anderen Zeit. Alte Tempel ducken sich zwischen Hochhäusern, und auch die klassische Moderne wehrt sich zuweilen noch gegen die Hyper- und Postmoderne.

Alte Grundbesitzer widerstehen hier mitten auf der Queen’s Road East den Verlockungen des allgegenwärtigen Immobilienbooms und halten an ihren inzwischen geradezu zwergenhaft wirkenden fünfgeschossigen „Hochhäusern“ fest. Ein schönes Beispiel dafür, wie kleinteilig die Besitzverhältnisse im Hongkonger Kapitalismus teilweise noch heute sind. Ab der ersten Etage ragen diese „alten“ Gebäude jeweils ein ganzes Stück über den Bürgersteig hinaus, um soviel Geschossfläche wie möglich aus der kleinen Parzelle zu herauszuholen.

Der Nachbar hatte entweder verkauft oder selbst genug Kohle zurückgelegt. Hier wächst auf kleinster Grundfläche in den Himmel was in der Fläche keinen Platz findet.

In Guangzhou, dem chinesischen Zentrum des Turbokapitalismus, habe ich in den letzten Jahren schon häufig beobachten können, dass im übersättigten Handel bisweilen Langeweile aufkommt, die die Angestellten nur durch intensiven Internetkonsum bekämpfen können. Aber solcherart Tiefenentspannung lässt eher an sozialistische Zeiten denken…


Auf ganz andere Art anachronistisch sind die Installationen, denen wir mehrfach an und zwischen Gebäuden der Shisanhang Road (十三行路) begegneten. Diese Straße war in der späten Qing-Zeit einer der ersten und wichtigsten Schauplätze der von den imperialistischen Mächten erzwungenen Öffnung der chinesischen Märkte für ausländische Importe. Heute ist die Gegend eine zentrale Anlaufstelle für Einkäufer aus aller Welt auf Schnäppchenjagd in China.

Die Rohrungetüme stammen zwar mit Sicherheit nicht mehr aus der Kaiserzeit. Das Geheimnis ihrer Funktion verliert sich dennoch in den Tiefen der Geschichte. Es war beim besten Willen niemand aufzutreiben, der Auskunft über Zweck und Nutzen dieser unorthodoxen Konstruktionen geben konnte.

Irgendwie erinnerten die surrealen Installationen an den sinnfreien Konstruktionsspaß, den wir in den 80er Jahren mit dem Kartenspiel Leg das Rohr hatten… Vielleicht war das ja mal Lehrmaterial für chinesische Klempner?