Templed out
Asia, Travel Bali, Hinduism, history, Indonesia, religion, society, tourism
Da gibt man sich die allergrößte Mühe, mit wachen Augen zu reisen, nicht obeflächlich zu sein und sich möglichst alle Orte auch aktiv einzuprägen. Und dann lässt sich am Ende doch ein Tempel von vier heute nicht mehr identifizieren. Es klafft ein schwarzes Loch zwischen dem Pura Meduwe Karang und dem Pura Beji Sangsit. Nur wenige Kilometer trennen diese zwei Tempel voneinander. Dazwischen haben wir einen weiteren Tempel besucht, einen außergewöhnlich bunten noch dazu. Und dennoch: Eineinhalb Stunden Black out – Filmriss trifft es ja im digitalen Zeitalter nicht, und Fotos davon existieren auch reichlich. Keine Ahnung aber, wo dieser Tempel zu finden ist oder wie er heißt. Das wurmt.
Um 11:00 rollen wir mit dem frisch reparierten Motorroller in das Dorf Bila Bajang ein und haben inzwischen ein neues Verkehrszeichen zu deuten gelernt:

Das gespaltene Tor, das wohl seit dem 14. Jahrhundert auf Java und Bali den Eingang zu hinduistischen Tempeln markiert, sagt dem aufmerksamen Fahrer, wenn es auf einem Schild am Ortseingang auftaucht, dass hier ein Tempel wartet. Familienschreine gibt es in jedem Dorf meist mehrere, Tempel aber nicht. Obgleich die Unterscheidung manchmal nicht leicht fällt.
Der Pura Baleagung/Pura Desa, auf den sic der Hinweis bezieht, erweist sich jedoch als ziemlich vernachlässigt. Eine neue Erfahrung.
Nächste Station bereits ganz dicht an der Nordküste: Pura Meduwe Karang. Der 1890 erbaute Doppeltempel ist typisch für Nordbali üppig floral dekoriert und dem dem Herrn, der das Land besitzt (Batara Meduwe Karang) sowie dem Sonnengott und der Mutter Erde geweiht – alle zuständig für die fruchtbarkeit des Landes.
Ziemlich ungewöhnlich ist die Darstellung des Fahrradfahrers und der beiden kleinen steinernen nackten Mädchen. Letztere blieben ein Geheimnis, aber immerhin wissen wir, was es mit dem Fahrradfahrer auf sich hat: Erst Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts drangen die Niederländer (sehr gewaltsam und verbunden mit vielen Opfern) von Norden aus nach Bali vor. Diese Gegend hier war also die erste richtige Kontaktzone. Um 1904 machte der niederländische Künstler Wijnand Otto Jan Nieuwenkamp die Gegend mit seinem Fahrrad unsicher. Da ein solches Fortbewegungsmittel auf der Insel bis dahin völlig unbekann gewesen war, kam jemand auf die Idee, Stahlross und Reiter auf einem Relief an einem Sockel des Tempels zu verewigen und damit Modernität zu beweisen. Das Relief wurde während eines schweren Erdbebens 1917 stark beschädigt und in veränderter Form rekonstruiert. Daher sieht der Niederländer heute eher balinesich aus, das rad verlor seine Kette, und das Hinterrad wurde zu einer Lotusblüte.
Und nun kommt der geheimnisvolle Tempel Black out… Bunt, aufwendig dekoriert und intensiv genutzt. Und doch: Name und Ort abgestürzt in die Gedächtnislücke.
Tempel Nummer 4 an diesem Tag: Pura Beji Sangsit aus dem 15. Jahrhundert, gebaut von den Invasoren, die vor den Niederländern kamen, also den Javanern der Majapahit Dynastie, die den Hinduismus auf Bali als Staatsreligion etablierte.

Der Tempel ist niedrig, wirkt gedrungen, ist aber überaus reich im nordbalinesichen Stil mit vielen Blüten und Ranken dekoriert. Der Name des Tempels weist auf eine heilige Quelle und und reinigende Bäderrituale hin. Davon ist heute nichts mehr übrig, aber die Überreste eines Bassins wurden auf dem Tempelgelände gefunden. Aufgrund dieser Geschichte wird der Tempel bis heute mit dem traditionellen kollektiven Bewässerungssystem Subak assoziiert und wird hauptsächlich von Reisbauern frequentiert, die um Fruchtbarkeit ihrer Felder beten.


Wahrscheinlich liege ich völlig falsch und offenbare hier grenzenlose Ignoranz, aber die bildlichen Darstellungen ließen mich hier teilweise an Maya und Azteken denken…
Untersuchungen der Steinmetzarbeiten kamen zu dem Ergebnis, das diese in früheren Zeiten einmal bunt bemalt waren. Damit ist der Tempel, dessen Namen in der Versenkung meines Gedächtnisses versunken ist, denn doch nicht so völlig außergewöhnlich.
Die letzte Modernisierung führte Anfang des 20. jahrhunderts auch hier zur Abbildung der niederländischen Kolonialherren, die hier mit Musikinstrumenten ganz friedlich erscheinen.
Die Invasion Balis mit tausenden Toten führte allerdings zu einem internationalen Aufschrei der Empörung und zerstörte den selbst kreierten Ruf der Niederlande als wohlwollende Kolonialmacht. Die internationale Kritik blieb nicht ohne bis heute wirkende Folgen.
Die neu formulierte „ethische Politik“ gegenüber der Kolonie hatte neben Modernisierungsbestrebungen auch zur Folge, dass sich die Niederländer (reichlich spät) zu Erforschern und Beschützern insbesondere der Kultur Balis aufschwangen und sich anschickten, Bali zu einem lebenden Museum der klassischen Kultur zu machen. Mit touristischem Potenzial. 1914 wurde Bali offiziel zur Tourismusdestination…