In Arezzo gab es die erste bewusste Begegnung mit einem auch in der Kunst sehr lange vernachlässigten und verkannten Maler der frühen Renaissance – Piero della Francesca. In dem aus heutiger Sicht kleinen Nest Sansepolcro wurde er 1420 als dritter Spross einer dortigen Adels- und Handelsfamilie erst nach dem tod seines Vaters geboren.
Schon mit 11 Jahren war er Aufzeichnungen zufolge dafür zuständig, auf den Gemälden eines lokalen Malers Stangen und Kerzen auszuführen. Das heißt, er ging in die Lehre bei einem Kunstmaler. In den 1430er Jahren war nachweislich in den Werkstätten verschiedener bekannter Maler in Florenz beschäftigt. Eine eigene Karriere als Künstler machte er dort jedoch nicht.
Vielmehr führte er seine ab 1440 seine Werke für lokale Fürsten in der toskanischen Provinz in Arezzo, Urbino, Sansepolcro aus. 1478 hängte er den Pinsel an den Nagel und widmete sich ganz seinen kunsttheoretischen Schriften zu Mathematik und Geometrie. Schon seine Bilder waren von mathematischen und geometrischen Prinzipien geprägt, auf denen er den Einsatz der Perspektive aufbaute. Damit wurde er zum lange verkannten Vorreiter in der Kunst: Er war wohl der erste, der die Perspektive, die Verürzung von Linien etc. wirklich exakt berechnete.
Aber obwohl Leonardo da Vinci und auch Raffael seine Werke gekannt haben müssen, geriet der Maler schnell in Vergessenheit, nachdem er erblindet und vereinsamt 1487 in seinem Geburtsort gestorben war. Erst die Künstler der europäischen Moderne seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten sein Werk neu. Heute gilt er vielen als der modernste Künstler der Renaissance.
Seine Bilder strahlen eine große Ruhe aus, ziehen den Betrachter aber auch hinein in etwas mysteriöses, mystisches. Wir konnten uns diesem Reiz jedenfalls nicht entziehen und begaben uns – da wir uns ja, ohne davon vorher wirklich gewusst zu haben, im Zentrum seines Schaffens befanden – auf eine faszinierende Pilgerreise zu seinen wichtigsten Werken. Beginnen wir also in Arezzo, wo wir in der Basilika San Francesco mitten hinein stolperten in sein größtest Werk, das heute zugleich als ein Höhepunkt seiner Malerei gilt – die Darstellung der Legende vom wahren Kreuz (obgleich wie damals üblich andere Künstler seine Werkstatt an der Ausführung beteiligt waren).
Das Werk schmückt die drei Wände der Hauptkapelle der Kirche vom Boden bis zur Decke.
Hier kommen nur Ausschnitte aus diesem riesigen Zyklus. Vollständig dargestellt findet man es hier und in zwei Teilen hier und hier.
Die Legende des wahren Kreuzes beginnt mit dem Tod Adams (auf dem Foto oben rechts auf dem halbrunden Bild). Auf Drängen von Engeln soll Adams Sohn auf seinem Grab einen Baum gepflanzt haben, der aus einem Samen des Apfelbaums der Erkenntnis aus dem Garten Eden stammte. Aus diesem Baum wurde dann das Kreuz hergestellt, an dem Jesus starb. Wer’s glaubte, wurde selig… Oder nicht?
Die Legende geht weiter damit, dass die Königin von Saba später Balken anbetete, die aus dem Baum auf Adams Grab gefertigt worden waren, weil daran in der Zukunft der Erlöser hängen und damit den Judenstaat in den Untergang treiben würde. Dies ließ sie König Salomon wissen, als sie diesen traf:
Salomon ließ das Objekt der Anbetung daraufhin niederreißen und vergraben, wo die Holzbalken blieben, bis die Römer sie fanden und wahr werden ließen, was die Königin von Saba vorhergesehen hatte.

Weiter geht es in Legende und Gemädezyklus mit dem römischen Offizier, der 306 als erfolgreicher Feldherr zum Imperator Konstantin I ausgerufen wurde und der als erster römischer Herrscher gilt, der zum Christentum konvertierte – obgleich einige Historiker daran zweifeln und sogar skeptisch sind, ob Konstantin überhaupt je das Wesen dieser Religion erfasste.
Da seine Herrschaft von Anfang an keineswegs unumstritten war, musste er erst einige Widersacher aus de Weg räumen. einer davon war Maxentius, der sich in Rom seinerseits zum Imperator ausrufen ließ. Vor der entscheidenden Schlacht gegen Maxentius sollen Konstantin I im Schlaf himmlische Wesen erschienen sein, die ihm prophezeiten, er würde unter den griechischen Buchstaben (später hieß es einfach im Zeichen des Kreuzes) Chi und Rho siegreich aus der Schlacht hervorgehen. Vor dem Angriff auf Rom ließ er daher Standarten und Schilder seiner Soldaten mit Chi und Rho schmücken – ein Symbol in Kreuzform (mehr oder weniger ein von einem X durchkreuztes P), dessen beide Buchstaben im Griechischen auch gleich die ersten beiden Buchstaben von Christos (ΧΡΙΣΤΟΣ) bildeten. Allerdings waren sie auch die Anfangsbuchstaben des griechischen Worts chrēston (gut) und waren schon mehr als 500 Jahre früher als Symbol auf griechischen Münzen bekannt. Aber was kümmerts die Kirche, wenn sie Wunder braucht.
Das große Foto ganz oben ist ein Ausschnitt der Darstellung dieses Traums von Konstantin I, wie ihn Piero della Francesca hier interpretierte.
Hier ein kleiner Ausschnitt aus der Entscheidungsschlacht des Konstatntin I gegen Maxentius.
Nun kommt auch noch Helena, die griechische Mutter des ersten zum Christentum konvertierten Imperators, ins Spiel. Aus welchem Grund auch immer machte diese sich auf nach Jerusalem und die Suche nach dem Kreuz von Jesus‘ Hinrichtung. Da die Juden nicht mit der Sprache rausrücken wollten, wo sie das Kreuz versteckt hatten, musste Gewalt angewendet werden. Man versenkte die Wissenden kurzerhand in Erdlöcher, überließ sie Hunger und Durst und holte sie erst wieder heraus, nachdem sie den Ort verraten hatten, wo das Kreuz versteckt war.

So konnte das wahre Kreuz dann unter den prüfenden Augen Helenas ausgegraben werden (die Echtheit wurde dadurch bewiesen, dass ein Toter wiederbelebt wurde).
300 Jahre später ging das wahre Kreuz wieder verloren. Mit einer Unterbrechung von gut zehn Jahren lieferten sich das byzantische Reich (Ost-Rom) und die Sassanidenals letztes vormuslimisches persisches Reich von 572 bis 628 einen langen Krieg um die Vorherrschaft zwischen Kaukasus und Nordafrika.
Mit der Eroberung Jerusalems im Jahr 614 war das wahre Kreuz für die Christenheit zunächst einmal futsch. In der entscheidenden Schlacht von Niniveh errangen die Byzantiner letztlich die Oberhand, und auch Jerusalem mit dem wahren Kreuz fiel ihnen wieder in die Hände.
Für beide Reiche erwies sich dieser lang anhaltende Krieg jedoch als Niederlage. Das letzte vormuslimische persische Reich zerfiel unter den Eroberungsfeldzügen neuer muslimischer Herrscher. Und auch Byzanz hatte sich in dem Krieg zu stark verausgabt. Der Aufstieg und die Ausdenung des Islam war eine direkte Folge. Bald war denn auch das Kreuz wieder unerreichbar für die europäischen Christen, Jerusalem unter muslimischer Herrschaft und Europa verwickelt in eine Serie von Kreuzzügen…
Heute existieren – wie das bei Reliquien so üblich ist – an verschiedenen Orten Teile und Splitter des wahren Kreuzes, mehrere in Jerusalem in orthodoxen Kirchen, ein Teil in Äthiopien und angeblich auch noch eine ganze Reihe von Bruchstücken verteilt über Europa. Reliquien wurden und werden eben zerteilt, um sich über die Gunst einer Schenkung der Gefolgschaft der Empfänger zu versichern – Machtpolitik also. Und ja, auch heute werden katholische Heilige in Einzelteile zerlegt, die dann verschenkt werden oder käuflich erworben werden können. Ein Schelm, wer da an Leichenfledderei oder gar Kannibalismus denkt.
Seinen Höhepunkt und Abschluss findet der Bilderzyklus – obwohl keineswegs Teil der Legende des wahren Kreuzes – mit der der Verkündigung, also der Nachricht an Maria, dass sie schwanger ist. Gott schwebt dabei als alter bärtiger Mann auf einer Wolke über dem Engel. Amen.






