Es beschleicht mich der Verdacht, dass die gesamte Debatte um N- und sonstige böse Wörter in Italien noch nicht so richtig angekommen ist. Aber der Reihe nach…

Kurz vor dem mittäglichen Toresschluss noch voll mit der Besichtigung der Basilika San Francesco beschäftigt und ganz hin und weg vom Werk Piero della Francescas, drang von der Straße plötzlich ein Heidenlärm (auch nicht wirklioch politisch korrekt, häh?!) in das museale Gotteshaus. Mit Pauken und Trompeten zogen da unerwartet (wohl nur von uns!) ein Haufen Jungs in Renaissancekluft durch die Straßen. Zwar erst durch retrospektive Informationsgewinnung ermöglicht, sind auf dem folgenden Bild deutlich musizierende Vertreter aller historischen, nach den jeweiligen Stadttoren benannten Stadtviertel Arezzos erkennbar: Porta San Spirito in blau-gelb, Porta Crucifera in grün-rot, Porta del Foro in gold-karmesinrot und etwas versteckt hinter dem Trommler in gelb-blau links der grün-weiße Musicus aus dem Viertel Porta Sant Andrea.

Und dann kommt auch noch der der wichtigste Mann des Geschehens, il Coordinatore del Regia (auf Deutsch klingt diese Funktion zu profan), auf mich zugehastet… Er ging natürlich an mir vorbei zu einem bestimmt sehr wichtigen Termin in der Kirche.

Wo waren wir da also völlig ignorant hineingeraten? Unser erster Besuchstag in Arezzo fiel auf den vorletzten Samstag im Juni. Und dies ist seit Ewigkeiten einer der beiden Termine für die Giostra del Saracino, also das Sarazenenturnier, ein Wettkampf zwischen den Stadtviertelm ähnlich wie der Palio in Siena.
Während in Siena auf einem der zentralen Plätze zweimal järhrlich im Anschluss an eine große Parade ein wildes Pferderennen stattfindet, dass man sich aus der Mitte des Rundkurses auch kostenlos ansehen kann, dient der einem mittelalterlichen Ritterturnier nachempfundene Wettstreit zwischen den Stadtvierteln als touristische Einnahmequelle für das Stadtsäckel.
Tatsäclich geht die Giostra del Saracino auf mittelalterliche Truppenübungen zurück, die sich dann zu einem Turnier zu Pferde aus Anlass hochherschaftlichen Besuchs in der Stadt entwickelt und so populär in der Bevölkerung wurde, dass die Veranstaltung seit dem 16. Jahrhundert (mit Unterbrechungen) zweimal jährlich stattfindet.
Morgens beginnt es mit dem Kanonenstartschus, und kurz vor high noon sind alle Akteure in der Stadt paradierend unterwegs. Es folgen Segnungen in den Hauptkirchen der Viertel, Verpflegungspausen und Organisatorisches, bevor am Abend eine weitere Prozession durch die von den lokalen und Fans und zugereisten Schaulustigen gesäumten Straßen der Stadt folgt – im Juni 2019 leider im Regen…
Wir hatten das Glück, den Regen in einem Café mit etwas Süßem abwettern zu können, die Aktiven zogen sich in den Schoß von Mutter Kirche zurück (ist das jetzt politisch korrekt?).

Das eigentliche Turnier, das im Juni erst 21:30 kostenpflichtig beginnt, schenkten wir uns. Daher blieb nur das Nachlesen über das, was wir dort verpassten. Im Kern steht eine große bewegliche Holzfigur namens Buratto , die mit etwas negroiden Zügen (darf man das so noch schreiben?) und vollbärtig den König von Indien(?) darstellen soll. Diesem wird von zwei Männern aufgewartet, die in Sarazenenkleidung (warum eigentlich?) Muslime dieses Volkes verkörpern. Ihre Aufgabe ist es primär, den Buratto im Laufe des Turniers immer wieder fit zu machen. Denn dieser Holzfigur verpassen die Turnierreiter – nein, sie treten eben nicht im Zweikampf direkt gegeneinander an! – nach Möglichkeit eins mit der langen Lanze. Im Kampf um die Trophäe des Turniers, der Goldenen Lanze, müssen sie dabei vermeiden, von Buratto eins auf den Buckel zu kriegen. Dieser dunkle Holzkerl hält auf der einen Seite ein Schild, das die Reiter mit der Lanze treffen müssen, in der anderen Hand jedoch die harmlose Nachbildung eines aus drei Kugeln bestehenden Morgensterns, mit denen der Hinterhältige, um die eigene vertikale Achse rotierend, nach jedem Lanzentreffen gegen den Reiter hinterrücks zurückschlägt. Da die Sarazenen die Lederbälle des falschen Morgensterns nach jedem Ritt erneut mit schwarzem Farbpulver bestäuben, zeichen sich die Treffer des Holzmohren (da ist es wieder, das inkriminierte diskriminierend-rassistische Wort!) deutlich auf den Rücken der Ritter ab, wenn sie sich denn erwischen ließen.
Was die Sarazenen mit all dem zu tun haben? Keine Ahnung!




