Hotan ist eine moderne und weitgehend gesichtslose Retortenstadt, obwohl die Oase auf eine mehrere Tausend Jahre alte wechselvolle Geschichte zurückblickt. Fast 2000 Jahre alte Ruinen können in der Nähe besucht werden, wenn man bereit ist ein paar tausend Dollar für eine Sondergenehmigung auf den Tisch zu legen. Ob sich’s lohnen würde? Es darf bezweifelt werden.

So gibt es in Hotan selbst heute gar nichts zu sehen – das verstaubte kleine Stadtmuseum mit ein paar Mumien lockt auch bei freiem Eintritt kaum jemanden. Für chinesische Touristen ist der Ort eng mit Jade verbunden und übt deshalb eine gewisse – allerdings wohl eher irrationale – Anziehungskraft aus. Da man von Jade jedoch nicht satt wird, ist die zweite große Attraktion der überdachte Nachmarkt, auf dem sich alles ausschließlich ums leibliche Wohl dreht.
Handgezogene Nudeln sind zwar ein typisches Gericht in Xinjiang, sind aber auch in ganz Westchina verbreitet.

Ebenfalls authentisch sind die mit Hack und Zwiebeln gefüllten Teigtaschen, deren Hüllen hier hergestellt werden. Sie stellen auch eine direkte Verbindung mit der kulinarischen Tradition Südasiens von Indien bis Afghanistan dar, die sich hier in den alten uyghurischen Oasenstädten entlang der Seidenstraße am Rande der Taklamakan mit der chinesischen Küche verbindet.
So steht dieser abendliche Naschmarkt denn auch heute wieder in der Tradition des kulinarischen Austauschs, der Vermischung verschiedener Regionalküchen und der Bildung von eklektischen Synthesen.
Da gab es kalte scharfe Nudeln aus Sichuan (oben) neben modern kantonesischen gedämpften Reis-Gemüse-Töpfen und roten taiwanisch süßen Bratwürstchen (Titelbild) und lokal uyghurisch geprägten dampfgegarten Teigtaschen mit Hammel (unten).

Feurig scharfer Feuertopf aus Chongqing mit allerlei in reinem Chili gesottenen Schweinereien (inklusive Wiener Miniwürstchen!!!) ist ebenso zu haben wie eher koreanisch anmutende „Bowls“.


Woher nun allerdings die (Un-)Sitte stammen könnte, mehr oder minder gegarte Eier von allerlei Geflügel zu schlürfen, die noch dazu mit geheimnisvollen Pülverchen und Tröpfchen veredelt werden, weiß der Himmel. Es war auch nicht herauszubekommen, ob dieses „Genussmittel“ nun eher die Männlichkeit unterstützen oder gegen Frauenleiden helfen soll.
Spannende Süßspeisen dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen – in Bambusblättern gedämpfte Klebreispyramiden mit viel Zucker und einer Jujube oben drauf, eine Art Joghurt mit Granatapfelkernen, in Sirup gekochte Quitten oder einfach nur gebackener Kürbis.

Etwa 500 m lang reiht sich ein Stand an den anderen. Und auch die Köche und Köchinnen müssen zwischendurch mal was knabbern.

Die Lichtverhältnisse waren übrigens alles andere als einfach, tendenziell nicht gerade Appetit machende Farbstiche im eher schummrigen Neonschein kaum zu vermeiden… Wirklich traurig ist allerdings die Tatsache, dass in der ganzen Stadt de facto kein frisches Fladenbrot von einer der sonst und hier einst allgegenwärtigen Kleinbäckereien zu bekommen war. Jedes Lebensmittelgeschäft hatte zwar Fladenbrote in der Auslage. Das waren jedoch industriell gefertigte und in der Regel vom Vortag. Auf die Frage nach einem traditionellen Fladenbäcker hieß es unisono, ich könne mein Glück ja vielleicht auf dem an den Stadtrand umgesiedelten Basar versuchen. Wenn überhaupt, dann könne man dort vielleicht noch frische Brote vom Bäcker an der Ecke bekommen…