Am frühen Morgen des 1.11. machten wir uns bereit für einen sehr langen Tag. Eigentlich hatten wir mit dem Gedanken gespielt, gleich unser Gepäck mitzunehmen, um uns nach dem Tagesziel gleich weiter Richtung Osten nach Yanqi, den nächsten Ort auf unserer Route, bringen zu lassen. Unserem Fahrer gefiel diese Idee gar nicht, weil dies für ihn entweder eine mit Kosten verbundene Übernachtung in Yanqi oder eine aufgrund der massiven politischen Repression in Xinjiang nur in Ausnahmefällen überhaupt gestattete Nachtfahrt zurück nach Kuqa bedeutet hätte. So mussten auch wir wohl oder übel wieder nach Kuqa zurückfahren, nur um am folgenden Morgen dann den Zug nach Yanqi zu nehmen.
Angesischts der allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h auf allen Fernstraßen waren wir auf eine schier endlose Autofahrt zu unserem Ziel gefasst. Wir staunten dann allerdings nicht schlecht, als unser Fahrer nicht seinem Taxi sondern einem dicken weißen SUV entstieg. Was dahinter steckte erfuhren wir auf der Fahrt recht schnell. Er hatte als Subunternehmer einen befreundeten Fahrer einer der Xinjiang Production and Construction Corps (XPCC) angeheuert. Diese ursprünglich paramilitärische in 14 Divisionen unterteilte Organisation stellt mit ihren 2,8 Mio. Mitgliedern (12% der Bevölkerung Xinjiangs!) auch heute einen Staat im Staat dar und übt die direkte Kontrolle über mehr als 70.000 Quadratkilometer aus, auch wenn sie sich von einer überwiegend militärischen zu einer primär kommerziellen Unternehmung gewandelt haben. Wer nicht Angehöriger des Corps ist, hat keinen Zutritt zu dem Land unter seiner Kontrolle.
Und hier kommt wieder der zusätzliche Fahrer und Subunternehmer ins Spiel. Mit dem SUV der XPCC öffneten sich uns Tore zu „Privatstraßen“, auf denen wir unbehelligt von den sonst so häufigen Polizeikontrollen und ohne jegliches Tempolimit so schnell voran kamen wie nie zuvor während dieses Xinjiang Trips. Aus den ursprünglich angedrohten Fahrtzeit von fünf bis sechs Stunden wurden so nicht einmal drei. Für den eigentlich von uns angeheuerten Taxifahrer bedeutete das zwar etwas weniger Gewinn. Dafür bekam aber auch er als Beifahrer einen entspannten Tagesausflug.
Über weite Strecken fuhren wir vorbei an aufgegebenen Feldern, die der Wüste abgetrotzt worden waren und dann durch künstliche Bewässerung und Verdunstung schnell versalzt waren und so insgesamt wohl als kompletter Fehlschlag zu werten sind. Schon früh während meines Studiums hatte ich Mitte der achtziger Jahre von diesem Phänomen gehört. Da hier im dünn besiedelten Westen Chinas Land aber mehr als ausreichend vorhanden ist, führte und führt man diese an kurzfristigen Gewinnen orientierte Strategie mit desaströsen Langzeitfolgen offenbar weiter.

Nach gut zwei Stunden Raserei durch totes Land und an Fördertürmen am Horizont vorbei erwartete uns am Zielort, die wir am Nordrand einer der trockensten Wüsten der Erde nun wirklich nicht erwartet hätten.
Baumwollfelder und Schilf!
Wasser ist der Schlüssel, und das gibt es hier aus dem Tarim-Fluss. der hier primär von Schmelzwasser aus dem Kunlun, Pamir und Tianshan gespeist mäandernd von Westen nach Osten fließt, wo er einst zur Existenz des schon vor Jahrzehnten vollständig ausgetrockneten Lop Nur beitrug. Seit der Gründung des Neuen China wurde jedoch soviel Wasser für die Bewässerung von Feldern abgezweigt, dass der Tarim schon seit Jahrzehnten den Lop Nur nicht mehr erreicht, sondern viel früher versiegt.



Der Landwirtschaft sei Dank für die Mitfahrgelegenheit, die unseren Wanderweg zum eigentlichen Ziel ein wenig abkürzte.
Nur wenige Meter von einem der Bewässerungskanäle, mit denen dem Tarim-Fluss das Wasser abgegraben wird, ist der Boden staubtrocken. Jeder Schritt abseits des Asphalts der Straße wirbelt Staubwolken auf. Statt Binsen kamen dann schnell Pflanzen in Sicht, die mehr unseren Erwartungen entsprachen, Tamarisken etwa.

Dann waren wir auch schon mitten drin im Naturschutzgebiet für Euphrat Pappeln (塔里术胡杨保护区). Weit über die Hälfte aller Bäume dieser Art, die salzresistent sind, saisonalen Überschwemmungen trotzen, ohne Niederschläge auskommen und seit 60 Millionen Jahren (!) semiaride Gebiete bevölkern, leben heute im Westen Chinas – 90% davon entlang des Tarim-Flusses. Noch! Aber bevor ich wieder – fast zwangsläufig – negativ und pessimistisch werde, hier erst einmal unkommentiert Bilder dieser beeindruckenden lebenden Fossilien.




So majestätisch die uralten Baumriesen auch wirken und obwohl der Pappelwald im Schutzgebiet urwüchsig wirkt und etwas von Ewigkeit ausstrahlt, trügt der Schein. Der gesamte westchinesische Bestand der Euphrat-Pappeln ist extrem gefährdet. Schon 2003 sah sich sogar die parteioffizielle Beijing Review genötigt, ein massives menschengemachtes Waldsterben zu beklagen. Aufgrund zweifelhafter landwirtschaftlicher Bewässerungsprojekte des Neuen China waren schon zwischen 1949 und 1993 ca. 60% der Pappelbestände abgestorben. Und schon 1994 musste eingestanden werden, dass sich 80% der Restbestände aufgrund von Wasermangel im Tarim-Fluss-System im Prozess des Absterbens befanden. Versuche, Wasser aus anderen Flüssen einzuleiten und sogar ein Plan für eine mehr als 640 km lange Wasserleitung aus dem nördlichen Tianshan brachten bislang wenig Verbesserung, da die Menge des für die Landwirtschaft unter der Kontrolle der Xinjiang Production and Construction Corps abgezapften Flusswassers weiterhin steigt. Der Wald stirbt!
Erschwerend kommt hinzu, dass dieses wie wohl auch viele andere Schutzgebiete letztlich nicht primär dem Schutzzweck dienen, sondern vielmehr wirtschaftliche Verwertungsinteressen absolut im Vordergrund stehen. Stolz künden Schilder und Bauzäune von den großflächigen Entwicklungsplänen. Die fatalen Folgen der touristischen Erschließung sind heute schon überall sichtbar und irreversibel. Die Planer gehen davon aus, dass der chinesische Massentourismus nicht an langwierigen Wanderungen durch ein großes Schutzgebiet interessiert ist, sondern vielmehr auf gut ausgebauten Straßen in Busladungen von einem Fotostop vor einem besonders bemerkenswerten Exemplar von Baum zum nächsten eilt. Und damit diese besonderen Bäume fotografisch gut in Szene gesetzt werden können, stehen sie am besten allein auf weiter Flur. Alles andere muss weichen – Bäume, Unterholz, Leben.









