Etwa 50 km östlich von Turfan liegt am Ausgang der kleinen Tuyoq (auch Toyuq oder Tuyok) Schlucht am Rande der Flammenden Berge (Huoyan Shan) das kleine Dorf Mazar Aldi. Heute unbedeutend und außerhalb der chinesischen Reisesaison total verschlafen, war das heutige uyghurische Dorf vor 1500 Jahren inmitten seiner damals wesentlich größeren Oase ein wichtiger Rastplatz an der Seidenstraße und einer der vielen wie auf einer Perlenkette aufgereihten Orte mit bedeutenden buddhistischen Höhlenklöstern am Nordrand der Taklamakan.
1877 von einem russischen Botaniker wieder entdeckt war das Tal bis zu einem großen Erdbeben, das 1916 gemauerte Tempel und Höhlen aus buddhistischer Zeit zerstörte (90% sollen eingestürzt sein), Ziel russischer, japanischer und deutscher Expeditionen und Plünderungen im Zeichen der Archäologie. Die jüngsten chinesischen Ausgrabungen wurden 2010 durchgeführt und förderten zahlreiche Manuskripte in unterschiedlichsten Sprachen sowie Fresken aus dem fünften Jahrhundert zutage, die bestätigen, dass es sich hier um einen zentralen buddhistischen Pilgerort gehandelt hatte.
Mitglieder der deutschen Turfan-Expeditionen von 1902 bis 1914 machten mehrfach hier Station. Ein Schild an einem der Häuser des Dorfes bestätigt, dass sich dort Archäologe Albert von Le Coq während seiner „imperialistischen Plünderungen“ einquartiert hatte. Dieser schrieb in seinem Buch Auf Hellas Spuren in Ostturkistan Berichte und Abenteuer der II. und III. deutschen Turfan-Expedition selbst, dass er mit Helfern Fresken aus den buddhistischen Höhlen herausgemeißelt und zusammen mit unzähligen Manuskripten nach Deutschland abtransportierte, hätte aber – ganz im damaligen Selbstverständnis des zivilisierten europäischen Wissenschaftlers – den Vorwurf der Plünderung weit von sich gewiesen. Von Le Coq spricht davon, er habe im Haus des Imams Quartier genommen, den er wenige Seiten später als Spitzbuben bezeichnet…
Nachdem es auch hier von chinesischer Seite offensichtlich den Versuch gegeben hatte, die buddhistischen Höhlen touristisch auszuschlachten, sind diese – offiziell wegen zu starker Einsturzgefährdung aufgrund von Erosion – bereits seit einigen Jahren niemandem mehr zugänglich. Die ganze Schlucht ist abgesperrt, und es bleibt nur ein ziemlich unspektakulärer Blick aus der Ferne.

Über das Dorf schwieg sich von Le Coq aus. Lediglich die Gebäude zur traditionellen Rosinenherstellung sind ihm eine kurze Beschreibung wert:
Am Fuße des Hügels aber steht eines der Häuser zum Trocknen der Weintrauben. Es ist ein Gebäude, dessen Wandungen unzählige, regelmäßig wiederkehrende, viereckige Öffnungen haben, um Luft einzulassen. Die Trauben werden an wa[a]gerecht angebrachten Stangen dort reihenweise aufgehängt und dörren in der außerordentlich trockenen Luft bei der großen Hitze in kurzer Zeit, ohne etwas von ihrem Wohlgeschmack zu verlieren.

Hier sind diese Trockenräume tatsächlich noch in Gebrauch. Diese Gebäude sind zwar in und um Turfan noch vielfach zu sehen, doch immer mehr der berühmten und sehr leckeren Rosinen werden maschinell in Pressen unter Zufuhr von künstlicher Wärme getrocknet. Das geht schneller, ist weniger anfällig für Schwankungen in Temperatur und Luftfeuchtigkeit und produziert daher weniger Ausschuss, hinterlässt aber auf den so getrockneten Weinbeeren verräterische Pressmuster.
Angesichts der fortgeschrittenen Jahreszeit sahen wir im Tuyoq Tal jedoch keine Weinreben. Die hatte man hier wohl schon winterfest gemacht, so wie ich es schon für Turfan beschrieben habe und wie auch von Le Coq schon vor mehr als 100 Jahren beobachtete:
Mit besonderer Kunst wird an passenden Orten die Weinrebe gepflegt, die viele Arten der köstlichsten, oft riesengroßen Trauben trägt. Wegen der zwar kurzen, aber oftmals sehr kalten Winter zieht man die Reben in Reihen an Gräben, in die man Winters die Stöcke herunterbiegt und mit Erde bedeckt.
Das Hauptobst aber ist die Melone, die in zahllosen, immer süßen und würzereichen Abarten in ungeheuren Mengen ziemlich mühelos gezogen wird, und während des ganzen Jahres ein Hauptlebensmittel der Landesbewohner bildet. Weniger gut ist die Wassermelone, die in zwei Abarten, rotfleischig und gelbfleischig, gezüchtet wird.
Und wenn die chinesischen Touristen und damit die Käufer für erfrischend frische Melonen wieder weg sind, dann werden auch Honigmelonen getrocknet, um im folgenden Jahr beim touristischen Frühjahrsansturm der landesweiten Reisewelle zum 1. Mai als Snack über den Tresen zu gehen.
Im nächsten Jahr wird dann bestimmt auch der Billardtisch wieder minutenweise an chinesische Touristen vermietet, wenn er nicht unter der Last der Melonen zusammengebrochen ist, auch wenn Open Air Billard im chinesischen Kernland eher eine Vergnügung der 90er Jahre war…

Auf den ersten Blick wirkte die Umgebung des Dorfes extrem trocken. Man konnte sich kaum vorstellen, dass hier überhaupt etwas wächst. Aber seit Jahrhunderten haben sich Karez – großteils unterirdisch angelegte Bewässerungskanäle – bewährt, mit denen das lebensspendene Nass aus den Bergen herangeleitet wird. Zusätzlich gibt es heute in der Schlucht oberhalb des Dorfes einen kleinen Stausee.
Als hier die ersten buddhistischen Tempel entstanden, muss es in der gesamten Region wärmer, feuchter und damit auch fruchtbarer und grüner gewesen sein. Auch das legen die Ergebnisse der Grabungen von 2010 nahe. Eine Studie von chinesischen Archäobotanikern auf der Grundlage von ausgewerteten Pflanzenresten und Erdproben aus den Höhlentempeln kommt zu dem Schluss, dass Tiefst- und Höchsttemperaturen im 5. Jahrhundert nicht so weit auseinander lagen wie heute, die Jahreszeiten weniger stark ausgeprägt waren und die Wüste, die heute praktisch am Ortsrand beginnt, viel weiter südlich anfing. Sogar diverse Kräuter der Gattung Artemisia wuchsen hier – man hätte also durchaus schon Absinth zusammenbrauen können 🙂 Eine 3D-Rekonstruktion der Umgebung zeigt am Ausgang der Schlucht eine grüne Ebene.
Das heutige Dorf wirk wie eine etwas zu aufgeräumte Miniaturversion dessen, was z.B. Kashgar noch in den 80er Jahren war – alte Lehmhäuser überall.
Abgesehen von chinesischen Sommerfrischlern, die mit Blick auf den riesigen Parkplatz am Dorfrand und des für den Zutritt zum Dorf erhobenen Eintrittsgeldes in der Hauptreisezeit in Busladungen über den Ort herfallen müssen, um authentisch uyghurisch-exotisches Dorf-Feeling zu erleben, waren es in früheren, nach-buddhistischen Zeiten wohl eher muslimische Pilger die Mazar Aldi in Scharen bevölkerten. Auch davon berichtet schon von Le Coq:
Auf der rechten Seite des Ufers erhebt sich eine moderne Moschee, das „Heiligtum der Siebenschläfer“. Ich besuchte die Moschee, und es wurde mir gesagt, daß hinter dem modernen muhammedanischen Teil sich ein in den Stein geschnittener Tempel aus der alten Zeit befände.
Hier sehen wir, wie an vielen anderen Orten, wie der Islam bei seiner Einführung sich der alten Heiligtümer des Landes bemächtigt hat. In diesem Falle wurde es den Muhammedanern leicht, denn die Siebenschläferlegende ist ihnen ja wohlbekannt. Leider wurde mir nicht gestattet, in die alte Höhle einzudringen. Der Eingang zum Höhlentempel war verhüllt mit einer Menge Fahnen, die die Truppen des Yakub Beg in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den aufständischen Tunganen abgenommen hatten.
Dieses Heiligtum wird heute noch von Pilgern aus dem ganzen Lande, ja, selbst aus Indien und Arabien, besucht.
Der Natodraht, der ja bekanntlich in diesen Zeiten zwecks allgemeiner Gefahrenabwehr in keiner uyghurischen Ansiedlung fehlen darf, deutet schon darauf hin, dass das am gegenüberliegenden Berghang sichtbare muslimische Heiligtum heute für die meisten Normalsterblichen ebenso off limits ist wie die deutlich älteren buddhistischen Höhlen.
Als nicht wirklich bibelfester Europäer musste ich erstmal dieser Siebenschläferlegende auf den Grund gehen. Siebenschläfer? Das war für mich bislang immer nur der Tag im Jahr, an dem es auf keinen Fall regnen durfte, wenn der Sommer nicht komplett ins Wasser fallen soll… Der christliche Mythos spricht von sieben jungen Männern in Ephesos, die in der Frühzeit des Christentums die Anbetung vorchristlich-römischer Staatsgottheiten verweigerten und sich zum Schutz vor Verfolgung in eine Höhle zurückzogen, aus der sie nach 300-jährigem Schlaf sicher wieder auftauchten als sich das Christentum in ihrer Gegend durchgesetzt hatte. Der Koran und dessen Kommentatoren verlegen dieses Ereignis in die vorchristliche Zeit, sprechen von sechs jungen Männern und einem Hirten, dessen Hund den ebenfalls 300 Jahre währenden Schlaf der sieben bewacht und dem deshalb als eines von insgesamt nur drei Tieren Einlass in das islamische Paradies gewährt wurde. ʿĪsā ibn Maryam – oder Jesus, Sohn der Maria – übernimmt im Islam die Rolle des Propheten, der u.v.a. das Auftauchen dieser sieben Schläfer aus der selbst gewählten Sicherheitsverwahrung vorhersagt…
Wie dem auch sei, irgendwo las ich, dass es unter Muslimen aus China üblich war (und vielleicht in geringem Maße auch noch ist), dem Heiligtum in diesem kleinen Ort am Rande der Wüste einen Besuch abzustatten, bevor sie sich auf die Haj nach Mecca aufmachten.
Das religiöse Leben des Dorfes selbst ist wie überall in Xinjiang nicht wirklich lebendig und wird in erster Linie von älteren Männern auf Sparflamme erhalten. So hat auch die moderne Moschee des Ortes sicher schon bessere Zeiten gesehen.
Das religiöse Leben dürfte von den weltlichen Autoritäten wie überall in Xinjiang nicht gerade gefördert werden und wird auch hier offenbar nur noch von einigen älteren Männern überhaupt vollzogen.

















