Keine Angst, es handelt sich nicht um eine Krankheit, die mich dort erwischt hat (obwohl… depressiv konnten einige Erlebnisse der absurderen Art dort einen schon machen). Vielmehr liegt die uyghurische Oasenstadt Turfan in der gleichnamigen Senke – nach dem Toten Meer (-420 m) und etwa gleich auf mit dem Assalsee mit 154 Meter unter dem Meeresspiegel je nach Quelle der zweit- oder dritttiefstgelegene Ort auf der Erde.
Turfan ist die Haupstadt der Rosinenproduktion. Hat jemand sconmal etwas von Rosenrosinen gehört? Das sind Riesendinger, die tatsächlich einen sogar recht ausgeprägten Rosengeschmack haben. Aus ganz China kommen die Leute hier Rosinen kaufen, und die Touristen strömen im Sommer hierher, um unter den Weinreben, die hier auf riesiger Anbaufläche schattige Gänge bilden, zu lustwandeln. Wir waren dafür schon zu spät dran. Vielerorts war man schon dabei, die Weinreben winterfest zu machen. Dazu werden die im Laufe des Jahres gewachsenen Triebe abgeschnitten. Der Rest der Rankepflanze wird zu Boden gebogen und dann in der Erde eingegraben.
Hätten wir es nicht mit eigenen Augen gesehen, wir hätten wohl geglaubt, jemand wolle uns einen gewaltigen Bären aufbinden, wenn er oder sie etwas dergleichen erzählt hätte.
In diesen weniger touristischen „Weinbergen“ am Rande von Turfan konnte man nett spazieren gehen, auch oder vielleicht gerade, weil hier die Spaliere nicht touristengerecht übermannshoch gebaut waren. Wir waren praktisch ganz allein und konnten uns so ganz langsam und fast ungestört dem Wahrzeichen von Turfan annähern, dem Emin Minarett. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus Lehmziegeln als Teil einer Moschee erbaut, wird es von Han-Chinesen reichlich respektlos als Pagode des Herrn Su bezeichnet.

Den religiösen Charakter hat der Gebäudekomplex allerdings nicht erst im Zuge der jüngsten Unterdrückung der Uyghuren und ihrer Religion eingebüßt. Längst ist er ausschließlich kostenpflichtige Touristenattraktion. Wir sparten uns allerdings das Eintrittsgeld zu dieser sinnentleerten Hülle und beließen es bei einem eingehenden Blick von jenseits der stacheldraht- und überwachungskameragesicherten Umfassungsmauern. Allein unsere Nähe rief den Argwohn der Wachhunde und der Wachmannschaft hervor. Und so wurde uns ein uniformierter Aufpasser hinterher geschickt, der darüber wachte, dass wir nicht etwa versuchten, die etwa vier Meter hohe Mauer zu überwinden, um das horrende Einrittsgeld zu sparen.
Nicht ganz so alt, dafür aber deutlich stärker in Vergessenheit geraten, waren einige Zeugnisse der Baukunst jüngerer Geschichte.

Das lag wohl an der längst vergangenen und mehrfach revidierten Politik dieser frühen Jahre des Neuen China.
Alles verschlossen, verriegelt und verrammelt – mit high tech aus Shanghai, damals ein modernes Markenprodukt.

Ganz so angestaubt waren diese Jungs jetzt nicht. Aber die späten Fünfziger mit Kollektivierung, Volkskommunen und dem Großen Sprung haben sie mit Sicherheit in Erinnerung. Jetzt hatten sie einfach nur Spaß.
Während Uyghuren ganz offensichtlich kein weltanschauliches Problem mit Kartenspielen haben, sehen die Gleichaltrigen der ebenfalls muslimischen Hui das scheinbar etwas enger.
Dabei sind sie keineswegs alle ewig gestrig. Emanzipation macht sich auch bei ihnen breit.
Die Hypermoderne ist auch in Turfan angekommen – zumindest im Hinblick auf Materialien und Produktionstechnik. Keiner dieser gedruckten Teppiche hat jemals einen Knüpfer oder irgendein Naturmaterial auch nur von Weitem gesehen.
Das war aber nicht der Grund für diesen verkniffenen, argwöhnischen Blick. Der galt wohl eher mir.
Wenigstens die Bäcker pflegten sehr zur Freude des deutschen Reisenden die ungebrochene Tradition ihres Handwerks.












