Wir schlossen unseren Aufenthalt in Turfan ab mit einem Besuch der Ruinenstadt Yarkhoto, die unter dem Namen Jiaohe heute zum „chinesischen“ Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Das Besondere dieser uralten Ruinenstadt auf einem 30 m hohen Lössplateau zwischen zwei Flussläufen (chin. Name: Jiaohe = Zusammenfluss zweier Flüsse) ist die Tatsache, dass sie zum ganz überwiegenden Teil nicht aus gemauerten Gebäuden bestand. Vielmehr wurden die „Gebäude“ auf einer Fläche von etwa 1700 m mal 300 m in den Löss hinein gegraben: Höfe, Häuser, Straßen und Tempel. Die Dächer waren auch nicht mit Ziegeln gedeckt sondern vielmehr mit Holzstangen, Strohmatten und Lehm darüber – so wie auch heute noch die traditionelle Lehmarchitektur der Uyghuren.

Nun aber zu der mehr als 2000-jährigen Geschichte der Stadt – wozu man bei der Besichtigung der Ruinen vor Ort leider absolut nichts erfährt! – und zu der Fiktion des chinesischen Weltkulturerbes. Wer sich den etwas längeren Text ersparen möchte, scrollt einfach nach unten zu den Bildern.
Die Stadtgründung verliert sich im Dunkel der Geschichte. Archäologische Funde beweisen aber, dass das Lössplateau schon in der Jungsteinzeit vor 9000 Jahren bewohnt war. Es ist anzunehmen, dass die Entstehung der Stadt hier an einer strategisch bedeutsamen Stelle an der schon in grauer Vorzeit sehr aktiven Seidenstraße (auch wenn damals wohl noch kaum Seide gehandelt wurde) in die Zeit fällt als die ursprünglich nomadische Subeixi-Kultur zum sesshaften Lebensstil überging – also etwa im neunten vorchristlichen Jahrhundert. Diese wahrscheinlich multiethnischen Eurasier, die nach archäologischen Befunden enge Verbindungen mit den Skythen aufwiesen, und deren Konföderation aus agrarischen Oasenstadtstaaten in China viel später als Reich der Jushi bekannt wurde, scheinen bemerkenswerte Gebräuche gepflegt zu haben: Sie sind nachweislich die ältesten bekannten Kiffer! In zwei ca. 2700-2800 Jahre alten Grab in Turfan hat man als Beigabe psychoaktives Cannabis gefunden, das lokal kultiviert worden sein muss. Und auch Wein sollen sie schon angebaut und auch gekeltert haben…
Die gesamte Geschichtsschreibung und Archäologie ist heute leider sehr durch die chinesische Perspektive und die Fiktion jahrtausendealter und ununterbrochener Herrschaftsansprüche mindestens über das gesamte heutige chinesische Territorium geprägt. Die ältesten chinesischen Quellen, die befestigte Stadt erwähnen, stammen aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Zhang Qian, der vom Han-Kaiser wohl nach Westen ausgesandt worden war, um zu sondieren, wer denn dort die internationalen Handelswege kontrollierte und wohl ab und an auch blockierte, war von 139 bis 126 vor der Zeitenwende in der Gegend unterwegs und kam nachweislich bis ins heutige Ferghana. In erster Linie ging es bei dieser Expedition jedoch darum, nach geeigneten Alliierten im Kampf gegen die Xiongnu (ebenfalls eher ein Zusammenschluss diverser Ethnien als ein einzelnes Volk und keinesfalls in Verbindung mit den viel späteren Hunnen stehend wie häufig fälschlich behauptet) zu suchen, die nicht nur die Oberhoheit über die ansonsten weitestgehend autonomen Oasenstädte und Kleinststaaten des heutigen Xinjiang ausübten sondern weite Teile Zentralasiens beherrschten und von der heutigen Mongolei aus auch immer wieder das Han-Reich bedrohten und plündernd angriffen. Obwohl in der chinesischen Geschichtsschreibung sonst immer nur von Völkern und Staaten berichtet wird, die dem chinesischen Kaiserhof zu Tribut verpflichtet waren, leistete die Han-Dynastie über einen längeren Zeitraum umfangreiche Tributzahlungen an die Xiongnu und versuchte mit strategischen Verheiratungen Frieden zu schaffen.
Zurück nach Yarkhoto. In den Annalen der Han aus dem ersten Jahrhundert heißt es – wohl auf den viel früheren Informationen Zahng Qians basierend – über Yarkhoto aka Jiaohe:
The water of the river there divide and flow around the city walls, hence the name „Jiaohe“ or „interlacing rivers“. In the City of Jiaohe were 700 families, 6,050 residents and 1,865 military soldiers. The distance between Jiaohe and Chang’an is about 8,150 li.
Unrecht hat der Chronist allerdings mit den Stadtmauern, die aufgrund der Lage auf dem zu fast allen Seiten hin mit senkrecht abfallenden Felswänden begrenzten Plateau nie notwendig waren und so auch nicht existierten.
Als Ergebnis der Spionage-Expedition Zhang Qians startete die Han-Armee 99 vor Chr. in einer Offensive gegen die Xiongnu. Es dauerte jedoch 32 kriegerische Jahre, bis die Han 67 vor Chr. erstmals einnehmen konnten – nur um sich kaum zwei Jahre später wieder aus der Festungsstadt zurückzuziehen. Insgesamt dauerten die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Konföderation der Xiongnu und dem chinesischen Han-Reich 225 Jahre! Erst im Jahr 126 konnte die Vorherschaft der Xiongnu in dieser Region endgültig gebrochen werden. Yarkhoto und die anderen Stadtstaaten am Rand des Tarim-Beckens hatten in der Zwischenzeit mal unter der Oberhoheit der einen, mal unter der der anderen Kriegspartei gestanden und sich ansonsten weiter entwickelt.
Kaum hundert Jahre später konnte von einer Han-chinesischen Herrschaft über diese Region schon wieder kaum die Rede sein. Nachdem das Han-Reich zwischen 180 und 220 n. Chr. in langwährenden Bürgerkriegen zerfallen war, wurde in dieser Region erst 327 wieder eine Han-chinesische Garnison im knapp 50 km östlich gelegenen Karakhoja (chin.: Gaochang) errichtet. Allerdings handelte es sich dabei eher um den Außenposten eines der vielen untereinander verfeindeten Fürstentümern der Zeit der Sechzehn Reiche. Ein von einer Zentralmacht regiertes China war in dieser Zeit nur Fiktion.
Um 460 war es mit der Dominanz wechselnder Han-chinesischer Kleinstaaten erstmal wieder ganz und gar vorbei. Die Konföderation des Rouran Khaganats hatte ihr Territorium auf ein Gebiet ausgedehnt, das von Nordost-China bis ins heutige Kasachstan reichte, Xinjiang und Yarkhoto eingeschlossen. Die Oasenkleinstaaten erfreuten sich unter der Oberhoheit des Khaganats jedoch weiter gößtmöglicher Eigenständigkeit. Nach chinesischer Darstellung waren es Zuwanderer aus dem heutigen westlichen Gansu, die ab 497 für 143 Jahre von Karakhoja aus auch Yarkhoto beherrschten und die Stadt nach dem Vorbild der architektonischen und organisatorischen Prinzipien ihrer ursprünglichen Herkunftsregion in Gansu umbauten. Die in dieser Zeit angelegten städtebaulichen Strukturen sollen auch heute noch als Ruinen zu sehen sein.
Danach war es die aus einer Machtverschiebung im Innern des Rouran Khaganats entstandene multiethnische Föderation der Gök-Türken, die unter der Führung des Ashina Klans (der schon Teil der Xiongnu Föderation war) die Vorherrschaft über ein Gebiet von Nordost-China bis fast zum Kaspischen Meer – und damit auch über das heutige Xinjiang – übernahm. Die weitgehende Autonomie der Kleinststaaten in den Oasen am nördlichen Rand der Taklamakan blieb erhalten. Machkämpfe um die Thronfolge innerhalb der Gök-Türken Konföderation führten um 584 zum Bürgerkrieg. Als der mächtigste Vertreter der östlichen Stämme die Unterstützung des kurzlebigen chinesischen Sui-Reiches suchte, griff der Thronanwärter des westlichen Reichsteils um 600 die chinesische Hauptstadt Chang’an an und verlangte von den Sui, die Einmischung in den gök-türkischen Bürgerkrieg zu unterlassen und erhielt Tributzahlungen. Der Erfolg war kurzlebig, denn diplomatische Intrigen der Sui führten dazu, dass sich verschiedene Vasallen gegen die Westlichen Gök-Türken auflehnten – darunter auch die Uyghuren. Eine deutliche Schwächung der Föderation und weitere interne Machtkämpfe zwischen den Stämmen und Klans waren die Folge.
Die nordchinesische Familie Li, die durch Rebellion 618 die Macht der Sui an sich gerissen hatte, baute ihre Macht als Tang-Dynastie schnell aus. Nachdem das ursprünglich mit den Sui verbündete Östliche Gök-Türken Khaganat, an welches der erste Tang-Kaiser Gaozu zunächst noch Tribut entrichtet hatte, 630 durch eine militärische Offensive des zweiten Tang-Kaisers Taizong besiegt worden war, wendeten sich die Tang schnell auch nach Westen. Zunächst gab es zwar noch Verhandlungen zwischen dem Tang-Reich und den Westlichen Gök-Türken um die Vorherrschaft im Tarim-Becken, doch dann starteten die Tang 640 eine militärische Offensive, die im ersten Schritt zur Eroberung der heutigen Region von Turfan und der bis dahin unter des eher lockeren Oberhoheit der Gök-Türken stehenden Oasenstadtstaates Karakhoja führte, zu dem auch Yarkhoto gehörte.
Das Tang-Reich annektierte Karakhoja und und wählte Yarkhoto als Verwaltungssitz für die Präfektur für die Befriedung des Westens. Die weitere militärische Offensive brachte bis 659 das gesamte Tarimbecken bis nach Kashgar unter die Kontrolle der Tang. Diese Vorherrschaft der Tang war jedoch nicht unangefochten. Schon wenige Jahre später gelang es 670 einer tibetischen Armee gemeinsam mit türkischen Verbündeten, die die Tang-Armeen aus dem Tarim-Becken zu vertreiben. Die Rückeroberung durch die Tang erfolgte 692 und etablierte ihre – allerdings zu keinem Zeitpunkt unangefochtene – Vorherrschaft über die Region. Eine wirkliche Ausübung von Regierungsmacht im modernen Sinn ist schon allein wegen der Ausdehnung des Territoriums kaum vorstellbar. Hinzu kommen Konflikte mit weiteren ebenfalls expandierenden Reichen. So grenzte chinesisches Einflussgebiet nunmehr auch an das des arabisch-muslimischen Umayyaden Kalifats, was 715 zu einer ersten Schlacht in der Region von Ferghana und zwei Jahre später zu einer weiteren bei Aksu (unter Beteiligung des tibetischen Reiches und eines Turkvolks auf Seiten der Umayyaden) führte. Zwar waren die Tang-Heere in beiden militärischen Auseinandersetzungen siegreich, doch zeigen diese Ereignisse auch, wie umstritten das heutige Xinjiang und wie wenig konsolidiert die han-chinesische Herrschaft durch insgesamt nur vier Militärgarnisonen dort weiterhin war. Einigkeit herrscht zumindest außerhalb von China heute auch darüber, dass Xinjiang keineswegs sinisiert wurde. Es war und blieb eine Kontaktzone zwischen vielen Ethnien, Kulturen und Religionen.
763 mussten sich die Tang schließlich gänzlich aus dem heutigen Xinjiang zurückziehen. Die Truppen waren schon zuvor nach Zentralchina zurückbeordert worden, um dort den acht Jahre währenden und als An Lushan Rebellion bekannten Bürgerkrieg gegen die von diesem rebellierenden Tang-General sogdisch-türkischer Abstammung seit 755 etablierte rivalisierende Yan-Dynastie zu beenden. Das tibetische Reich hatte diese Schwächung Chinas genutzt, u.a. die ursprünglich tibetischen Territorien in Gansu und Qinghai zurück erobert, das Tarim-Becken unter seine Kontrolle gebracht und schließlich sogar die Tang-Haupstadt Chang’an 15 Tage lang besetzt. Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Tang, die ihre Herrschaft nach dem Sieg gegen die Yan konsolidieren konnten, und Tibet endeten erst mit einem Friedensvertrag 821.
Die Oberhoheit über das heutige Xinjiang konnten die Tang jedoch nicht wieder errichten. Dort setzten sich nach dem Rückzug der Tibeter die Uyghuren fest, die – zunächst als Allierte der Tang – in der Nachfolge der Gök-Türken Konföderation ein eigenes Khaganat errichten konnten, dessen Territorium ebenfalls die gesamten einst von den Xiongnu beherrschten Gebiete von der nördlichen Mandschurei bis zum Altai im Westen umfasste. Von 823 bis 832 hatten die Tibeter Krieg gegen die Uyghuren geführt, da letztere im Jahr 808 einige zuvor durch die Tibeter von den Tang zurück eroberte Gebiete im heutigen Gansu besetzt hatten. Die Uyghurische Konföderation wurde jedoch in der zweiten Hälfte des 9. Jh. durch parallele Kriege gegen die Kirgisen im Westen und das tangutische Reich der Khitan im Osten ausgelöscht, welches in der chinesischen Geschichtsschreibung mit entsprechender Ausdehnung ab 1038 als Westliche Xia-Dynastie firmiert.
Man nimmt an, dass Vertriebene aus diesen Kriegen der Uyghuren gegen ihre erstarkenden Nachbarn sich ab Mitte des neunten Jahrhunderts in den Oasenstädten am Nordrand der Taklamakan festgesetzt hatten, während sie zuvor wie die meisten nominellen Herrscher über diese Region nur eine lockere Oberhoheit ausgeübt hatten. Hier gründeten sie vom heutigen Yanqi (Karashar) und Kuqa aus das Königreich Qocho oder Kara-Khoja, welches sich nach sukzessiven Eroberungen ungefähr von Altay im Norden bis Aksu im Westen, Hami im Osten und das Kunlun Gebirge im Süden erstreckte. Erst 984 kam wohl wieder ein Vertreter der dann dominanten han-chinesischen Song-Dynastie in Yarkhoto und Umgebung vorbei:
There is no rain or snow here and it is extremely hot. Each year at the hottest time, the inhabitants dig holes in the ground to live in … There are over fifty Buddhist temples here … There’s also a Manichaean temple, with Persian monks who keep their own religious law and call the Buddhist scriptures the ‚foreign Way‘ …. In this land there are no poor people; anyone short of food is given public aid. People live to an advanced age, generally over one hundred years. No one dies young.
Die Bevölkerung setzte sich wie offensichtlich auch in den vorausgegangenen Jahrhunderten aus einem vielfältigen Gemisch von Angehörigen von Turkvölkern, Tochariern, Persern, Sogden und Han, unter denen der Buddhismus als Religion dominierte.
1209 ergab sich das Qocho Königreich unter die Oberhoheit der Mongolen unter Dschingis Khan, nachdem sie sich zuvor im 12. Jh. schon den Khitan (Westliche Xia) unterworfen hatten, und überlebte so zunächst als Vasallenstaat der mongolischen Yuan-Dynastie und später unter der Oberhoheit des östlichen Chagatai Khanats, dessen Herrscherfamilie Mitte des 14. Jh. zum Islam konvertiert war. Der buddhistische Uyghurenstaat in der Oasenregion Turfan überlebte weiterhin immer wieder aufflammende Territorialkriege und damit einhergehenden Zerstörungen. Aber die Bedeutung von Yarkhoto erlebte einen Niedergang, nicht zuletzt, weil sich der Seehandel gegen den Landweg über die Seidenstraße durchsetzte. 1389 kam mit der Eroberung durch den Moghul Khan Khizr Khoja das Ende von Yarkhoto. Die strategisch gelegene Stadt an der Seidenstraße wurde nach mehr als zweitausend Jahren wechselvoller Geschichte zerstört, und die Bevölkerung der Region konvertierte im Laufe der folgenden 50 Jahre unter dem Druck der Moghulherrschaft zum Islam.
Ein Gesandter der han-chinesischen Ming-Dynastie konnte 1414 über Yarkhoto nur noch berichten:
There were many temples a long time ago, but those temples only exist in writing on stones. There are only about one hundred dwellings in the area.
Das alles habe ich mir in mühsamer Kleinarbeit aus vielen verschiedenen Quellen höchst unterschiedlicher Qualität zusammengestückelt und hoffe, dass diese Schilderung der geschichtlichen Realität einigermaßen gerecht wird. Diese und weitere archäologische Informationen hätte ich mir eigentlich bei der Besichtigung der Ruinen gewünscht. Aber leider fehlt dort fast jede Erklärung dessen, was man dort heute sieht. Wer also irgendwann einmal vorhat dort vorbeizuschauen, sollte dringend den 130 Seiten langen Master plan for preservation and restoration of the Ancient Ruins of Jiaohe des UNESCO Office Beijing von 1999 lesen – eine umfassende archäologische Bestandsaufnahme, die auch die Gefährdung der Ruinen durch sauren Regen aufgrund der industriellen Dreckschleudern des modernen China nicht verschweigt, in der historischen Darstellung jedoch leider ausschließlich der han-chinesischen Fiktion der Jahrtausende währenden und kaum unterbrochenen chinesischen Herrschaft über das heutige Xinjiang folgt.

Was in den neunziger Jahren vor allem zum Schutz vor weiterer Erosion schon angedacht und teilweise getestet worden war, ist heute in den Ruinen weitgehend Wirklichkeit geworden: Man fühlt sich als laufe man heute durch eine Ruinenstadt aus Plastik!!! Ob die Oberflächen der Mauerruinen nun tatsächlich mit Epoxydharz oder anderen Chemikalien der modernen Hexenküche überzogen sind oder nur (!) mit Kaliumsilikat, diese Behandlung gegen Winderosion und Luftverschmutzung ist wahrscheinlich notwendig, gibt der gesamten Ruinenstadt aber eine gewisse Plastikanmutung…

Und nun zur Belohnung für das Durchhaltevermögen endlich ein paar Bilder, die sich durch Anklicken natürlich auch vergrößern lassen.














