Endlich wieder in China! Nicht, dass wir von Land und Leuten Xinjiangs die Nase voll gehabt hätten, aber dieser exzessiv repressive Überwachungsstaat war wirklich kaum zu ertragen. Arme Uyghuren, deren Lebenswirklichkeit von dieser Unterdrückung wohl noch sehr lange dominiert sein wird.
In Dunhuang hatten wir erstmals wieder das Gefühl, freier atmen zu können, obwohl diese Stadt heute trotz rasender moderner Entwicklung ganz offensichtlich nur der einheitlich han-chinesische Schatten ihrer selbst ist. Als Kreuzungspunkt wichtiger Routen entlang der antiken Globalisierungsautobahn Seidenstraße, zwischen zwei großen Wüsten und gleich mehreren Kulturen gelegen, war Dunhuang zwar früh han-chinesische Garnison, zugleich jedoch für 1000 Jahre ein kultureller und religiöser Schmelztiegel, der seines gleichen sucht. Diesem Erbe wird die Stadt heute in keiner Weise gerecht. Und auch wenn es hier deutlich moderner zugeht als das Foto hier von Dunhuang City Center aus dem Jahr 1985 vermuten lässt, handelt es sich ganz eindeutig um einen weit entfernten und weitestgehend unbedeutenden Außenposten der chinesischen Zivilisation.
Einziger Grund, der Oasenstadt einen Besuch abzustatten, sind die buddhistischen Höhlenklöster von Mogao, die heute völlig zu Recht zum Weltkulturerbe zählen. Das war auch schon Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts nicht anders, als ich das erste Mal dort war.
Auch die Wüste als zweite große Attraktion für den Massentourismus chinesischer Städter soll nicht unterschlagen werden. Aber dem haben wir uns erfolgreich entzogen.
1985 hatte es als Schmankerl noch Filmaufnahmen für irgendeinen chinesischen Monumental-Historienschinken in der Wüste direkt gegenüber der Mogao Grotten gegeben.
Und in der Mittagspause tummelten sich die Komparsen im Flusstal direkt vor den alten Tempelhöhlen aus dem 4. bis 14. Jahrhundert.
Zu Mogao ist schon so viel geschrieben worden und wird wohl auf absehbare Zeit auch noch geschrieben werden, weil an einer riesigen Zahl von hier ans Licht gekommenen Dokumenten in den unterschiedlichsten Sprachen – von Chinesisch über Tibetisch, Mongoliisch, Uyghurisch, Sanskrit bis hin zu Sogdisch, Altpersisch Tocharisch und so weiter – in einem internationalen Netzwerk eifrig weiter geforscht wird. Also werde ich hier nicht auch noch meinen unqualifizierten Senf dazu geben.

Nur soviel zum Besuch der buddhistischen Höhlen: Alles ist unter Verschluss (war es 1985 mehr oder weniger auch schon) und nur mit Führung zu besichtigen. Während in der Hauptreisesaison im Sommer 20 von 492 Höhlen zu besichtigen sind, sind es im Winter 30. Bei unserem Besuch waren nur noch ein paar versprengte chinesische Rentner unterwegs. Wir hatten uns eine deutschsprachige Führung gebucht – in der Annahme, dass wohl keine weiteren Teutonen da sein werden. Und so war’s denn auch: Wir konnten uns die Besichtigung voll und ganz unseren Wünschen anpassen.
An Fotografieren in den Höhlen war gar nicht zu denken. Die Bilder sind überwiegend Aufnahmen Replikationen im wirklich gut gemachten Informationszentrum, in dem zur Einstimmung ein 3D-Film vorgeführt wird. Und die ein oder andere Aufnahme hab ich 1985 gemacht. Der Große Buddha, der sich in diesem an die Felswand gehefteten Gebäude verbirgt und zu dem man damals noch aufsteigen konnte, ist heute gar nicht zugänglich.
1985 stand man ihm in seinem Tempel im wahren Wortsinn auf Augenhöhe gegenüber.
Die Besichtigung der Mogao Grotten ist nicht wirklich ein Schnäppchen aber jeden Cent des Eintrittsgeldes wert. Die Führerinnen sind sehr bemüht und haben sich offensichtlich auch in die Kunstgeschichte eingelesen. Nur kann man natürlich nicht erwarten, dass sie ihre sinozentrische Blickweise verlassen, um dem multikulturellen Ort des Austauschs, der hier einst florierte, gerecht zu werden.
Zumindest muss man sich heute auch nicht mehr so viele Gedanken machen, wie lange die Höhlenklöster wohl den Ansturm des chinesischen Tourismus überleben werden. 1985 waren zwar längst noch nicht die Massen unterwegs, die gegenwärtig jedes Jahr Mogao überrollen, aber ihre Zerstörungskraft gepaart mit völlig unzureichenden und oftmals kontraproduktiven Schutzmaßnahmen ließ das Schlimmste fürchten: Mehrfach hatte ich Leute gesehen, die mitten auf eines der kostbaren Wandreliefs mit Schlüsseln ihre Namen und das Datum ritzten; und geschützt wurden die Wandbilder besonders in Eingangsbereichen zu den Höhlen mit durchsichtigen Plastikscheiben, die zwar die Ritzer fernhielten aber auch Kondenswasser der schwitzenden Besucher sammelten und so Schimmel entstehen ließen, wo die knochentrockene Wüstenluft die Farben über tausend Jahre lang konserviert hatte. Gut, das diese Zustände der Vergangenheit angehören.
