Farbenfroh
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Am ersten Tag unseres Besuchs in Labrang sahen wir einen weißen Stupa, der zwar im Sonnenlicht der Hochebene leuchtete, aber dennoch wirkte, als hätte man ihn nach einem flüchtigen und nicht wirklich deckenden Anstrich vergessen. Wir dachten uns dabei nichts, denn dergleichen sieht man gar nicht selten.

Am nächsten Nachmittag war klar, dass das scheckige Weiß vom Vortag nur der Vorstrich war, nagelneu und noch lange nicht das Endstadium.

Renovierung war angesagt, völlig klar. Deckendes und weithin leuchtendes Weiß und strahlendes Rot.

Dann liefen da auch noch seltsame Gestalten durch die Gassen.

Als wir dann auch über diese Bande auf dem Klostergelände stolperten, war alles klar. Spätherbst und frühe Winterzeit ist die tibetische Saison der Anstreicher.

1993 hatte ich im Oktober in Lhasa am Potala und an einigen der Tempel ähnliche Arbeiten gesehen, dies aber für einmalige Renovierungen gehalten.

Aber ganz offensichtlich handelt es sich um ein jährliches Ritual.

Die tibetischen Gläubigen leisten farbenfroh Fronarbeit an den Klöstern, um etwas für ihr Karma zu tun.


Weder Arbeitsschutz noch Arbeitstechniken sind mit dem vergleichbar, was wir am anderen Ende der welt so gewohnt sind.
Die Gleichmäßigkeit und der Deckungsgrad des Farbauftrags können manchmal etwas variieren.



Doch kann sich das Ergebnis dann am Ende meistens sehen lassen.
Meistens. Gelb ist in tibetischen Klöstern eine eher selten anzutreffende Farbe. Rot und weiß dominieren die Sakralbauten. Aber wenn man schon mal in den Genuss kommt, gelbe Farbe über eine Wand zu gießen, dann spielen solche Kleinigkeiten wie Dachziegel, die ausgerechnet vor dieser Wand herumliegen, nicht wirklich eine Rolle. Nur wegnehmen darf sie bis zum nächsten Spätherbst nun niemand mehr…