Der Höhepunkt der rituellen Cham Tänze wird mit dem Tanz der Schwarzhüte (Shanag Cham) erreicht. Seit dem Beginn der großen Zeremonien um halb zehn morgens waren schon fünf Stunden vergangen, als die ersten Schwarzhüte den Klosterhof betraten. Ihr Tanz allein entwickelte sich dann über die folgenden gut zwei Stunden in aufreizender Langsamkeit.

In dem der Tat folgenden Chaos konnte Lhalung Pegyi Dorje unerkannt auf seinem Pferd fliehen, das er mit Ruß schwarz gefärbt hatte. Als er den ersten Fluss durchquerte, wusch das Wasser den Ruß ab und zum Vorschein kam ein Schimmel. Zeitgleich wendete der Mönch seine schwarze Robe, kehrte das weiße Innere nach außen und entledigte sich des schwarzen Hutes. So gelang ihm die Flucht nach Osttibet, wo er sich wieder in buddhistische Meditation versenkte und unbehelligt den Rest seines Lebens verbrachte.
Obwohl der Niedergang des Buddhismus tatsächlich mit dem Ende der Herrschaft Langdarmas eigentlich erst begann, wird Lhalung Pelgyi Dorje als Retter des tibetischen Buddhismus gedacht. Der Shanag Cham feiert den Tod Langdarmas.

Die Tradition des Shanag Cham wurde offiziell begründet vom Fünften Dalai Lama, der dieses Tanzritual im 17. Jahrhundert in den zeremoniellen Kanon des Ordens von Sakya integrierte. Die hier in Labrang aufgeführte Variante des Purba Cham, bei der nicht ein einzelner Tänzer Lhalung Pelgyi Dorje verkörpert, sondern acht oder neun Tänzer auftreten, geht jedoch schon auf den Vierten Dalai Lama zurück.

In dieser Variante mit acht oder neun Tänzern in der reich verziehrten Kleidung von Kriegern symbolisiert das Tanzritual die Kraft der tantrischen Meditationspraxis unsere geistigen Leiden zu überwinden. Von besonderer Symbolik ist dabei der schwarze Hut, wozu der Vierte Dalai Lama höchst selbst ausgeführt hat: Der Hut repräsentiert die bewohnte Welt mit der ihr innewohnenden Leere, die Hutspitze den Weltenberg Meru im Zentrum des Universums. Ein in fünf Farben eingewobenes radähnliches Muster mit acht Ecken steht für die acht höheren und niederen Kontinente… Jedoch ist Amdo dafür bekannt, dass die Ausgestaltung des Hutes – hier mit Totenschädeln und gekrönt von einem Vajra (Diamantszepter) – von dieser reinen Lehre des Vierten Dalai Lama zuweilen stark abweicht.

Im Kern sind die Kämpferfiguren mit den schwarzen Hüten wie die vorangegangenen maskierten Tänzergruppen Beschützer der Lehre, des Dharma dar. Der dreischneidige Dolch und die innen rotlackierte Hirnschale stehen für rituelle Opfer und die Überwindung des Todes in der Folge Yamas und Yamantakas.

Teil der Zeremonie ist das rituelle Füllen kleiner Becher mit Tee.

Wie bei allen Cham Tänzen umrunden auch die Schwarzhüte unablässig – hier über zwei Stunden lang – im Uhrzeigersinn den Tempelhof, um damit das Innere ihres Kreises zu reinigen und von jeglichem negativen Einfluss zu befreien.

Den Abschluss des ganztägigen Cham Rituals bildet der Auszug der Schwarzhüte aus dem Tempelhof, begleitet vom Klang von Rahmentrommeln, die ihrerseits Unendlichkeitssymbole sowie die Antlitze verschiedener Dharmapalas tragen.
Die Spannung löst sich, und ein langer, kalter, aber nie langweiliger Tag im Kloster Labrang geht zuende.




