Aus dem tibetischen Hochland von Amdo ging es zurück in die Provinzhauptstadt von Gansu und von dort aus im Hochegschwindigkeitszug nach Osten. Für eine 2000 km Strecke (Luftlinie), die mit dem Zug auf meiner ersten Chinareise noch Tage dauerte, brauchten wir nur sechs Stunden. Nördlich an Xi’an vorbei ging es zunächst durch das schon winterliche Lößhochland mit grob terrassierten Feldern und auch schon mal einem Friedhof, bevor wir in die weitflächig von Plastikfolie bedeckte Ebene der Provinz Shanxi kamen.
Unser Ziel war Pingyao, eine uralte Stadt (erstmals schriftlich erwähnt vor 2800 Jahren), die besonders im 19. Jahrhundert von größter Bedeutung für ganz China war, dann bis in die 1990er Jahre hinein in einen Dornröschenschlaf fiel, um dann als Tourismusattraktion und später sogar Weltkulturerbestätte wieder zu neuem Ruhm zu gelangen…
Der neue Ruhm gründet sich wie auch schon der alte auf – Geld! Heute kaum vorstellbar war dieses kleine Städtchen auf einer ummauerten Fläche von gut zwei Quadratkilometern bis in die Zeit nach der ersten chinesischen Revolution und des Ersten Weltkriegs das Zentrum der chinesischen Finanzwelt.
Ebenso wie der belustigte chinesische Tourist auf dem großen Foto oben seinen Kopf durch eine überdimensionierte Nachbildung einer Münze steckt wie ein Verbrecher durch einen Holzkragen, so sitz die junge Dame hier auf der ins Riesenhafte gesteigerten steienernen Nachbildung eines im alten China als Zahlungsmitel üblichen Silberstücks.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand hier aus einer landesweit operierenden Textilhandelskette die erste moderne Bank Chinas. Die Firmeninhaber kamen angesichts der Unsicherheit auf Chinas Straßen zunächst auf die Idee, den Zahlungsverkehr zwischen ihren vielen über das ganze Land verstreuten Niederlassungen bargeldlos zu organisieren, anstatt säckeweise Silberbarren mit Maultierkarawanen durchs Land zu transportieren. Damit war der Wechsel in China erfunden. Was zunächst nur für den Zahlungsverkehr innerhalb der Handelskette gedacht war, wurde binnen weniger Jahre auch auf Geschäftspartner ausgeweitet, die nun den Gegenwert eines solchen Wechsels in einer der Filialen der Firma in Edelmetall auszahlen lassen konnten. Um 1823 gab man das Handelsgeschäft völlig auf und konzentrierte sich ausschließlich auf die Ausgabe von Wechseln, mit denen man über die Filialen des nun Rishenchang getauften „Bankhauses“ landesweit „Überweisungen“ organisieren konnte.
Das Geschäftsmodell machte schnell Schule, und ab Mitte des 19. Jahrhunderts war das kleine Pingyao mit insgesamt 32 Wechsel emittierenden „Banken“ zum Finanzzentrum des chinesischen Kaiserreichs geworden.
Da in der Zeit vor der Einführung von Internet und Bitcoin auch der bestorganisierte bargeldlose Zahlungsverkehr nicht ohne Geldtransporte auskommen konnte, kam keines der Bankhäuser Pingyaos ohne bewaffnete Schutztruppen zur Begleitung der weiterhin und vermehrt durchs Land ziehenden silberbeladenen Maultierkarawanen aus. Deren Ausbildung und Training fanden in den Hinterhöfen der Bankzentralen statt.

In den unruhigen Zeiten nach der Taiping Revolte erweiterten die „Wechselstuben“ mithilfe dieser ohnehin von ihnen unterhaltenen bewaffneten Büttel ihre Geschäfte auf den Schutz von Geldtransporten im Auftrag des Staates aus. Sie ermöglichten den mehr oder weniger sicheren Fluss von Steuereinnahmen aus den Provinzen an den Kaiserhof. Kein Wunder also, dass sich an hohen Wänden und Portalen auch heute noch Zeichen einstigen Reichtums erkennen lassen.



Dass dieses Geschäft mit dem Geld anderer Leute Begehrlichkeiten weckte und kaum ohne begleitende Kriminalität vorstellbar ist, dürfte nicht überraschen. Zwar schweigen sich die Erklärtafeln auf Chinesisch mit haarsträubenden englischen Übersetzungen über diesen Aspekt aus, aber der für dieses Städtchen recht groß geratene historische Knast wird dem staunenden Besucher – fein restauriert und klinisch sauber – mit Freuden präsentiert.
Spätestens Anfang der 1930er Jahre war es dann endgültig vorbei mit dieser Art von halbmodernen Bankgeschäften und berittenen Schutztruppen aus Kungfukämpfern. Nur noch verarmter Schatten seiner selbst überlebte das Städtchen alle Wirren des 20. Jahrhunderts und sogar die sozialistische Modernisierung.
Weil man mit dem verarmten grauen Nest hinter den Mauern in der Aufbruchszeit der 1980er nichts am Hut hatte, baute man eine moderne Stadt einfach wie so häufig in China außerhalb der Stadtmauern, die von 1370 bis zum Teileinsturz 2004 überlebt hatten, und überließ den Ort und seine Bewohner für einige Jahre dem Vergessen. Dass man Pingyao schon 1986 zu einer historischen Stätte deklariert hatte, änderte daran zunächst auch nichts.
Wie Phönix aus der Asche erhob sich das Städtchen, das Bürgerkrieg, Revolution und vor allem Reformphase erlebt und dessen Bausubstanz aus der Zeit der Ming- und Qing-Dynastie weitegehnd überlebt hatte, gerade weil es lange als zurückgeblieben, arm und wenig vorzeigbar gegolten hatte, erst, als Tourismus auch für Chinesen nicht mehr als bürgerlich dekadent verschrien war und die Kommerzialisierung allen Kulturguts volle Fahrt aufnahm.
Mit dieser Dame geht es mit Vollgas weiter ins touristische Pingyao.









