Expedition nach Absurdistan
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Schon aus dem Flugzeug wurden die riesigen Veränderungen deutlich, die Xinjiang seit meinen ersten zwei Aufenthalten dort Mitte der achtziger und Mitte der neunziger Jahre erlebt hat. Aus verschlafenen Oasenstädtchen sind die überall in China üblichen von Hochhausblöcken geprägten Retortenstädte geworden. Der allgemeine chinesische Hang zur urbanen Gigantomanie wirkt hier in der Wüste und Halbwüste durch das Fehlen jeglichen normalen menschlichen Maßes nur noch viel absurder. Man stelle sich einen gepflasterten, in seinen Ausmaßen kaum vorstellbaren und völlig menschenleeren Platz am Rande einer Neubausiedlung aus Hochhaustürmen vor, an dessen Stirnseite Xi Jinping auf einer LED-Wand in Großaufnahme und Liveübertragung aus Beijing seine Rede auf dem 19. Parteitag abliefert. Zu sehen aus einem mehrere tausend Meter hoch über den Ort hinwegfliegenden Flugzeug… Ich würde mich nicht wundern, wenn ich – im Flieger sitzend – zu diesem Zeitpunkt der einzige Zuschauer war, denn auf dem Boden war weit und breit keine Menschenseele auszumachen.
War in Guangzhou eigentlich nichts vom 19. Parteitag zu spüren gewesen (es waren noch nicht einmal Parolen in den Straßen aufgefallen), war dieses Ereignis in Kashgar wie auch in allen anderen Orten Xinjiangs auf sehr eindringliche Weise präsent. Und das, obwohl Beijing Luftlinie gute 3.500 km weiter in östlicher Richtung und damit kaum näher als Ankara (3.600 km) in westlicher Richtung liegt; ganz zu schweigen von Teheran (2.200 km), Kabul (800 km) oder Islamabad (700 km).
Als mir der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel in der Innenstadt Kashgars mitteilte, wegen des 19. Parteitags werde ich die letzten zwei Kilometer zur Unterkunft wohl zu Fuß zurücklegen müssen, hielt ich das noch für einen schlechten Scherz, dessen Motivation mir verborgen blieb. Tatsächlich wurde jedoch die gesamte Innenstadt für die Dauer des Parteitags im fernen Beijing aus Sicherheitsgründen täglich in der Regel von 9:00 Uhr bis etwa 18:00 Uhr für jeglichen motorisierten Verkehr gesperrt. Nahverkehrsbusse ebenso wie Taxis, die sich zur Zeit der bevorstehenden Sperrung unvorsichtigerweise in die Nähe der Innenstadt wagten, wurden von den allgegenwärtigen Polizeikräften zu Barrikaden umfunktioniert, mit denen jede Zufahrtsstraße abgeriegelt wurde.
Nach einem Fußmarsch um die Altstadt herum (ein Hoch auf die geländegängigen Rollen meiner Tasche) und nach Passieren eines ersten Checkpoints für Fußgänger an einem der wenigen offenen Zugänge zur „Altstadt“ sowie an den wachsamen Augen der alle 50 Meter am Straßenrand postierten uniformierten Büttel vorbei endlich vor dem Hotel stehend warteten gleich zwei weitere Überraschungen. Der Eingang des Hotels war von Gittertüren versperrt, die nur von innen zu öffnen sind, und beim Eintritt fühlte man sich in die Sicherheitsschleuse auf einem Flughafen versetzt. Alles von der kleinsten Handtasche bis zum Schrankkoffer muss auf das Laufband und durch die Durchleuchtungsmaschine. Dann geht der unbedarfte Gast – oder potentielle Terrorist – durch den Metalldetektor in Türrahmenform und wird dahinter von Wachleuten mit Handmetalldetektoren in Empfang genommen. Eine Prozedur, die sich von nun an mehr als einen Monat lang täglich mehrmals und in jedem einzelnen Hotel überall in Xinjiang wiederholen sollte… Willkommen im Hochsicherheitstrakt!

Die zweite Überraschung wartete an der Rezeption. Man bestätigte, dass die Buchung schon vor einem Monat vorgenommen und auch bestätigt worden war. Dennoch gäbe es nun kein Zimmer für Ausländer: Gerade erst zwei Tage zuvor ergangene Direktive der Sicherheitsbehörden anläßlich der angespannten Sicherheitslage während des 19. Parteitags (Merke: In Beijing, 3.500 km entfernt!). Nach einer längeren Diskussion und einem Anruf bei der Ausländerpolizei stand das Quartier dann doch zur Verfügung. Schließlich gehört es zu einer landesweiten Franchising Kette und stellt mit seinem Han-chinesischen Management kein Sicherheitsrisiko dar. Hotels in uighurischm Besitz hatten da schlechtere Karten; sie durften ihren Hotelbetrieb während der Dauer des 19. Parteitags de facto einstellen, wie ich beim zweiten Aufenthalt in Kashgar nach einem Abstecher nach Tashkurgan selbst leidvoll feststellen durfte.
Dass ein Aufrufen ausländischer Webseiten in diesem Klima kaum möglich war, im Hotel auf wundersame Weise sofort das WLAN versagte, sobald man den Versuch machte eine VPN Software zu nutzen, und auch im mobilen Internet der Aufbau von VPN-Verbindungen durch künstliche massive Drosselung aller internationalen Verbindungen verhindert wurde, war indes eigentlich keine wirkliche Überraschung mehr. Diese Situation scheint jetzt ein Dauerzustand zu sein. Die komplette landesweite Aussetzung jeglicher Auslieferung von im Internet erstandenen Waren über einen Zeitraum von insgesamt zwei Monaten war jedoch dem 19. Parteitag geschuldet. Was würde es auch für ein negatives Bild auf Partei und Regierung in Beijing werfen, wenn in irgendeinem weit entfernten Winkel des Landes während der lückenlos durchinszenierten Selbstbeweihräucherung der politischen Nomenklatura eine Paketbombe hochginge. Die freien Medien des Landes hätten sich ja sofort wie die Hyänen auf ein solches Ereignis gestürzt…
Aber solch geringfügiges persönliches Ungemach nimmt man doch gern in Kauf, wenn man sich andererseits in der einzigen Region Chinas mit Kriminalitätsrate Null und damit so sicher wie in Abrahams Schoß weiß. Diese Errungenschaft schreibt sich Chen Quanguo zu, der als Parteisekretär seit Mitte 2016 uneingeschränkt über Xinjiang herrscht, nachdem er zuvor Tibet befriedet hatte. Diese Erfolge wurden denn auf dem 19. Parteitag auch mit dem Zugang zum innersten Zirkel der chinesischen Macht belohnt: er erhielt einen Sitz im Politbüro.
Mit ausdrücklicher Rückendeckung aus Beijing hat es Parteisekretär Chen in etwas mehr als einem Jahr geschafft, Xinjiang durch den Erlass repressiver Bestimmungen und den massiven Einsatz von Personal und High Tech in einen Hochsicherheitsrakt zu verwandeln, in dem die eine Hälfte der Bevölkerung (Uighuren) sich ihrer grundlegenden persönlichen Freiheiten beraubt und unter terroristischem Generalverdacht gestellt wiederfindet, während die andere Hälfte (Han-Chinesen) sich bereitwillig einer offensichtlich hoch ansteckenden Form der Massenparanoia hingibt, die alles „Fremde“ und alle „Fremden“ als Bedrohung sieht. Es entstand ein Klima, in dem zumindest jeder Uighure jederzeit Furcht vor willkürlicher Denunziation haben muss.
Xinjiang, offiziell Autonome Region der Uighuren Xinjiang, ist ebenso wie Tibet schon sehr lange als Unruheherd in China bekannt. Im Verlauf der vergangenen 60 Jahre wurden die muslimischen Uighuren, die ethnisch und kulturell den heutigen Türken wesentlich näher stehen als den Han-Chinesen, zur Minderheit in ihrer „eigenen“ Autonomen Region Xinjiang. Hatten sie 1953 insgesamt noch einen Bevölkerungsanteil von 75%, so stellten sie laut Census im Jahr 2000 nur noch 43% der Bevölkerung. Und obwohl Militärangehörige in der Volkszählung ebenso wenig Berücksichtigung fanden wie temporäre Arbeitsmigranten (vorwiegend als Erntearbeiter in der Landwirtschaft), wuchs der Anteil der Han im selben Zeitraum von 7% auf 40%. In den Anfangsjahren der Volksrepublik trugen zum Wachstum der Han-Bevölkerung zunächst hauptsächlich abgemusterte Soldaten der beiden Bürgerkriegsarmeen und in den folgenden Jahrzehnten bis hinein in die achtziger Jahre weitere gezielt angeworbene Migranten bei, die Aufnahme in den landwirtschaftlichen Großprojekten (Urbarmachung von semiariden Flächen) sowie in der Ausbeutung von Bodenschätzen (Öl, Gas, Erze, Kohle) der strategisch ausgerichteten und paramilitärisch organisierten Xinjiang Production and Construction Corps fanden. Später kamen in großer Zahl die modernen Glücksritter dazu, die die staatliche Förderung der Entwicklung der chinesischen Westregionen zum eigenen Vorteil zu nutzen wissen.
Da mit der Abnahme des Bevölkerungsanteils auch fortschreitende ökonomische Marginalisierung einherging (Uighuren profitieren bis heute wenig von dem durchaus bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung der Region), kann kaum überraschen, dass viele Uighuren die Han-chinesische Herrschaft und Dominanz in allen Bereichen als Kolonisierung empfinden. Ähnlich wie ein Teil der Tibeter will sich auch ein Anteil der uighurischen Bevölkerung nicht damit abfinden, dauerhaft unter (Han-)chinesischer Herrschaft zu leben. Unbestritten ist, dass es seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts separatistische Organisationen gibt, es neben gewaltfreien Protesten immer wieder auch zu (eher vereinzelten) Gewaltakten gegen die chinesische Hohheitsmacht und Han-Chinesen gekommen ist und immer noch kommt. Ob diese sporadischen Gewaltakte, die sich noch dazu auch immer wieder im chinesischen Kernland außerhalb Xinjiangs ereignen, jedoch das rechtfertigen, was sich seit Mitte 2016 in Xinjiang vollzieht und das gesamte Leben insbesondere der uighurischen Bevölkerung völlig umkrempelt, muss indes bezweifelt werden. Genauso ist erheblicher Zweifel daran angebracht, dass die gegenwärtige massive Unterdrückung und Einschüchterung der Uighuren zu einer wirklichen Befriedung der Lage führt und nicht langfristig eher den Hass auf die chinesischen Besatzer noch mehrt. Zu Radikalisierungen kommt es dabei wohl hauptsächlich immer wieder in den wirtschaftlich abgehängten Regionen mit ausgeprägt uighurischer Bevölkerung im Süden Xinjiangs. Genau dort konzentrieren sich denn auch seit Mitte 2016 die neuen staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen.
Was hat Chen also getan? Und wie sieht der uighurische Alltag heute aus, soweit man als Reisender innerhalb eines Monats einen Einblick gewinnen kann? Binnen eines Jahres ab Amtsantritt wurde ein umfassendes Überwachungs- und Unterdrückungssystem errichtet, dass in seinen Grundzügen überall in Xinjiang Anwendung findet, jedoch je nach örtlicher Bevölkerungszusammensetzung Abstufungen und Variationen aufweist. Am rigorosesten wirkt der Unterdrückungsapparat in den Regionen, in denen die muslimischen Uighuren auch noch heute die Bevölkerungsmehrheit stellen: Aksu (72%), Kizilsu (64%), Kashgar (90%) und Khotan (96%) westlich und südlich der großen Wüste Taklamakan sowie die Oase Turfan (70%) im Osten.
Erste Station: Kashgar. Mit der größten Moschee Xinjiangs und dem Grabmal des Abakh Hoja fungiert die uralte Oasenstadt traditionell als Epizentrum uighurischer Kultur und Identität. Abgesehen von der Absperrung der Innenstadt während der Zeit des 19. Parteitags hat denn das neue Sicherheitsregime hier seine deutlichste Ausprägung. Entlang aller Straßen der Stadt wurden im Abstand von 200-500 Metern neue Polizeistationen errichtet, die euphemistisch als Convenience Police Stations (便民警务站) bezeichnet werden (immerhin befinden sich in einigen auch öffentliche Toiletten). Diese fungieren als Überwachungszentren der untersten Ebene. Han-chinesische Polizisten bekleiden hier die höheren Ränge, führen hier die Aufsicht, beobachten die Bilder, die die allgegenwärtigen Überwachungskameras in ihrem Revier auf zahlreiche Monitore im Dienstzimmer spielen. Den direkten Kontakt mit der überwiegend uighurischen Bevölkerung halten hingegen fast ausschließlich uighurische Polizisten. Innerhalb nur eines Jahres wurden seit Mitte 2016 in Xinjiang nachweislich mindestens 100.000 Polizisten rekrutiert, und auch Ende 2017 waren in Stellenanzeigen im Internet immer noch entsprechende Stellen ausgeschrieben.

Die Parallele zur britischen Kolonioalherrschaft besipielsweise in Indien drängt sich geradezu auf: Für die unterste Ebene der kolonialen Herrschaftsausübung wird aus den Reihen der Beherrschten rekruitiert; die kolonialen Subjekte werden von Bütteln aus den eigenen Reihen gebeutelt. Mit diesem beispellosen öffentlichen Arbeitsbeschaffungsprogramm in Xinjiang kommen auf diese Weise nicht gerade gut gebildete junge uighurische Männer in Lohn und Brot. Diese drangsalieren nun im Auftrag der Besatzer andere Uighuren, während sich die Han-Chinesen innerhalb dieses offiziellen Überwachsungs- und Unterdrückungsapparats auf die Arbeit hinter verschlossenen Türen konzentrieren, damit nicht direkt als Unterdrücker in Erscheinung treten und so nicht zur Zielscheibe des Unwillens der gegängelten Bevölkerung werden. Als anonyme und zugleich deutlich fassbare Demonstration der Staatsmacht rollen in den Städten Xinjiangs zusätzlich in der Regel täglich zweimal lange Konvois teils gepanzerter Fahrzeuge der bewaffneten Polizei unter Sirenengeheul und Blaulicht durch die Stadt, während diese Bullenwannen in der restlichen Zeit Tag und Nacht einzeln im Schneckentempo die Straßen abfahren und den Verkehr zusätzlich behindern.
Abgesehen von der Unzahl neuer Polizeistationen im Abstand von wenigen hundert Metern gibt es entlang der städtischen Hauptstraßen dazwischen in ähnlichen Abständen Straßensperren. Prinzipiell muss hier jedes Fahrzeug zwecks Kontrolle der Ausweise aller Insassen anhalten. Die Ausweise werden mit Handscannern registriert und überprüft. Während Kofferraumklappe und Motorhaube auch fast ausnahmslos zur Kontrolle auf etwaige Bomben geöffnet werden, müssen die Fahrgäste nur an ausgewählten Kontrollpunkten auch aussteigen, um eine Sicherheitsschleuse zu passieren, in der die auf den Personalausweisen 2.0 gespeicherten biometrischen Daten elektronisch mit dem tatsächlichen Aussehen abgeglichen werden.
Pech hat, wer seine Frisur inzwischen zu stark verändert hat. Eine Frau, direkt vor mir einen solchen Kontrollpunkt passierte und zum Zeitpunkt der Kontrolle einen Kurzhaarschnitt und anders gestylte Augenbrauen hatte, geriet wirklich in Panik, weil die Maschine ihr mehrfach die Bestätigung ihrer Identität verweigerte und entsprechend den Durchlass verweigerte. Einer ausländischer Reisepass konnte während der gesamten Reise nur an einem einzigen Kontrollposten in Turfan elektronisch eingelesen werden, aber chinesische Staatsbürger müssen in Xinjiang davon ausgehen, dass sie für den dortigen Polizeistaat komplett transparent sind, äußerst detailierte Bewegungsprofile von jedem und jeder angelegt werden und jederzeit nachzuvollziehen ist, wer mit welchem potentiellen Übeltäter zur gleichen Zeit am gleichen Ort war und sich dadurch gegenenfalls auch verdächtig macht.
Auch Fußgänger entgehen der staatlichen Überwachung ihres Verhaltens nicht. Die auch unabhängig vom 19. Parteitag weitgehend verkehrsberuhigte „Altstadt“ (die alten Lehmhäuser wurden erst vor wenigen Jahren abgerissen und durch noch authentischere Nachbauten in Beton ersetzt, die Bewohner größtenteils ausgetauscht) wird durch einzelne Polizisten geschützt, die im Abstand von 50 Metern am Straßenrand sitzen, sich langweilen, gegen den Schlaf oder die Kälte ankämpfen. Viel zu tun haben sie offensichtlich nicht, denn jeder, der die Altstadt betritt wird ja schon auf Waffen gescannt, und Uighuren, die nicht hier wohnen, dürfen die uighurische Altstadt ohnehin nur betreten, wenn sie einen triftigen Grund haben und eine schriftliche Genehmigung vorweisen können. Parks, Museen, Busbahnhöfe und besonders auch Bazare unterliegen selbstreden noch strengeren Zugangskontrollen. Uighuren werden selbst überall in Xinjiang auch beim Betreten von uighurischen Wohnvierteln kontrolliert.
Überall wurde zu diesem Zweck die Mehrzahl der einst vorhandenen Zugänge zu Wohnquartieren, Parks, Märkten etc. abgesperrt und nach Möglichkeit auf eine einzige leicht zu überwachende Passage reduziert. Da kann es schon passieren, dass man sich als Ortsfremder, der einen zentralen öffentlichen Platz von Süd nach Nord überqueren und seinen Weg danach direkt fortsetzen möchte, nach dem kontrollierten Betreten des Platzes über dessen Menschenleere wundert, um dann am anderen Ende vor verschlossenen und mit Natodraht gesicherten Türen zu enden und den ganzen Weg wieder zurückzugehen.

Vor jeder Schule, jedem öffentlichen Gebäude und auch jedem Zugang zu einem Wohnblock befinden sich Wachposten, Natodraht und Sperren aus Stahlrohren oder Betonpoldern, die wohl auch Panzer aufhalten könnten.

Alle Gewerbetreibenden in Xinjiangs Städten wurden dazu verpflichtet, auf eigene Kosten ihre Geschäfte vollständig zu vergittern. Auf einem ersten Rundgang durch Kashgar führte das zu dem Eindruck, dass alle Geschäfte ausnahmslos geschlossen sind. Alles sah verödet und tot aus. Hinter den Gittern geht das Geschäftsleben jedoch weiter. Die Gittertüren sind nur von innen zu öffnen, Stammkunden wissen allerdings meist, wo in Eingangsnähe der Schalter für die elektrische Entriegelung angebracht ist. Diese Maßnahme hat ganz offensichtlich nur einen Sinn – die Möglichkeit der Flucht etwaiger Demonstranten in umliegende Geschäfte zu verhindern. Wurden die kleinen Gewerbetreibenden schon mit diesen zwangsverordneten Absperrmaßnahmen finanziell belastet, so führte eine andere neue Vorschrift vielfach zu Geschäftsaufgaben. Jedes Geschäft ist nun verpflichtet, dauerhaft mindestens einen Wachmann oder eine Wachfrau beschäftigen, der/die von der Polizei ausgebildet in kugelsicherer Weste und mit Schlagstock bewaffnet zu Hilfsdiensten für die Polizei bereit steht. Wer sich das nicht leisten kann, muss den Laden schließen.

Damit nicht genug der Sicherheit werden alle Haushalte dazu zwangsverpflichtet, unter Anleitung eines Polizisten mehrfach pro Woche als „freiwillige“ Bürgerwehr durch die Straßen zu patrouillieren.

Während alle Polizisten in Xinjiang mit Stahlhelm, kugelsicherer Weste und Schlagstöcken unterschiedlichster Ausführung ausgestattet sind, laufen die Bürgerwehren in Zivil und häufig mit Holzprügeln durch die Gegend. Im Zuge der sozialen Kontrolle werden eigentlich alle Familien erfasst und in irgendeiner Form für die staatliche Überwachungsaufgabe kooptiert.
Wer sich seinen „Bürgerpflichten“ entzieht, gerät natürlich ganz schnell in Verdacht, mit umstürzlerischen Gedanken zu sympathisieren. Alle uighurischen Haushalte nehmen daher mindestens im Wochenturnus an Fahnenappellen, patriotischen und sonstigen politischen Schulungen und diversen freiwilligen Aktivitäten zur Stabilitätswahrung teil.
Die dadurch hervorgerufenen Veränderungen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens sind offenkundig. Wochenmärkte, die traditionell um 10:00 begannen, fangen heute schon mal erst gegen 13:00 Uhr an, wenn die patriotischen Schulungen für die uighurische Bevölkerung am selben Wochentag stattfinden. Niemand wagt sich unentschuldigt fernzubleiben.

Woran Uighuren und andere Ethnien muslimischen Glaubens (offenbar mit Ausnahme der staatstragenden Hui) in Xinjiang tunlichst nicht teilnehmen sollten, ist das religiöse Leben. Obwohl alle religiösen Gemeinschaften in ganz China ohnehin nur praktizieren dürfen, wenn sie sich ausdrücklich als „patriotisch“ verstehen (sprich: auf Parteilinie sind), ist in Xinjiang per staatlichem Dekret allen Personen unter 18 Jahren der Zutritt in ene Moschee verboten.


Mehr als einen Monat lang habe ich in Xinjiang keinen Muezzin gehört. Kein Wunder, denn auch der öffentliche Ruf zum Gebet ist hier – im Gegensatz etwa zu muslimisch dominierten Regionen anderswo in China – strikt untersagt. Implizit aber sehr deutlich wird der muslimischen Bevölkerung in Xinjiang vermittelt, dass ein Bekenntnis zum Islam nicht erwünscht ist. Kein Wunder, dass die Idkhar Moschee in Kashgar, die Mitte der achtziger Jahre am Freitag aus allen Nähten platze, verwaist und menschenleer war und auch andernorts lediglich ein paar alte Männer die Eingangskontrollen zu den Gotteshäusern über sich ergehen lassen und unter den aufmerksamen Augen und Ohren des Überwachungsstaats das gemeinschaftliche Gebet pflegen.
In jeder Moschee lungern hauptamtliche Religionswächter herum, die aufmerksam alles regsitrieren, was dort getan und gesprochen wird. Um Fraternisierungen zu vermeiden stehen in jedem Gebetsraum zusätzlich auch noch eine Rundumkamera und ein hochauflösendes Mikrofon, über wirklich alles, was dort passiert, aufgezeichnet und live in ein Überwachungszentrum in Ürümqi übertragen wird, um jede unbotmäßige Tendenz im Keim zu ersticken.
In Turfan wurde es vor einigen Jahren offensichtlich zur Mode, über dem Eingangstor zu seinem privaten Anwesen Fliesendekorationen anzubringen. Vielfach wählten die ansässigen Muslime entweder die alte lokale Moschee , die mit dem Emin Minarett auch das Wahrzeichen der Oasenstadt ist, oder eine idealtypische Moschee als als Motiv für diesen Torschmuck aus. Letztere sind inzwischen überall unkenntlich gemacht, mit weißer oder roter Farbe übermalt. Nur das Emin Minarett geht wohl gerade noch als akzeptabel durch… wer nicht in die Schusslinie geraten will, passt sich an – und wird bei besonderem Wohlverhalten und Gesetzestreue mit dem Prädikat Verlässliche Familie (平安家庭) ausgezeichnet.
Die Drangsalierung des öffentlichen und privaten Lebens ist auch nicht auf städtische Gemeinden beschränkt. Der gesamte Verkehr in Xinjiang unterliegt starken Einschränkungen. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf den sehr gut ausgebauten Fernverkehrsstraßen grundsätzlich und mit wenigen Ausnahmen auf 40 km/h beschränkt, elektronisch überwacht und mit drakonischen Strafen bewährt. Parallel zu den innerstädtischen Strassensperren hat man alle paar Kilometer und insbesondere an jedem Ortseingang Kontrollstationen eingerichtet. Hier müssen abgesehen vom Fahrer zu jeder Tages- und Nachtzeit alle Insassen von Fahrzeugen aussteigen und sich einer in der Regel elektronischen Identitätskontrolle unterziehen, um dann hoffentlich hundert Meter weiter wieder unbehelligt die Reise bis zum nächsten Kontrollpunkt fortzusetzen. Verschiedentlich muss auch das gesamte Gepäck ausgeladen und zum Durchleuchten mitgeführt werden. Manch eine dieser Kontrollstationen erinnert in fataler Weise an modernisierte Versionen der alten DDR-Grenzkontrollstellen, mit Spiegeln zum Kontrollieren der Fahrzeugunterseiten und riesigen Apparaturen, die die Fahrzeuge von oben mit Röntgenstrahlung komplett durchleuchten. Selbst Tanken gilt als Sicherheitsrisiko, und Autofahrer müssen sich auch hier mit ihrem Ausweis registrieren, während alle anderen Insassen der Fahrzeuge das Tankstellenareal gar nicht erst betreten dürfen, aussteigen und draußen vor Panzersperren und Natodraht warten müssen.
Ebenso wie der Zugang zu Märkten und Parks streng reglementiert, eingeschränkt und überwacht ist, sind die Zufahrtsstraßen zu Dörfern geschlossen worden. In der Regel gibt es auch hier nur jeweils einen bewachten Zugang. wer sich hier nicht ausweisen kann oder keinen offiziell anerkannten und durch entsprechende behördliche Genehmigung legitinmierten Grund zum Besuch eines Dorfes vorweisen kann, in dem er oder sie nicht selbst lebt, bleibt draußen. Ein Fahrer erklärte auf einer Überlandfahrt, dass die Bewohner zweier nur durch eine Straße getrennter Dörfer sich ohne Genehmigung nicht mehr gegenseitig besuchen dürften und eine Arbeitsaufnahme im jeweils anderen Dorf generell verboten sei. Nach allem, was in diesem einen Monat in den uighurischen Kernregionen zu beobachten war, scheint diese Schilderung keine Übertreibung.
Der allerletzte noch verbliebene Teil der einstigen Altstadt von Kashgar ist für alle, die dort nicht noch wohnen, seit Mitte 2016 ebenfalls komplett gesperrt. An jedem Zugangsweg zu dem Wohngebiet auf einem Hügel am Rande der Stadt sitzt mindestens ein Uniformierter und wacht darüber, dass kein Unbefugter Zugang erlangt. Ein buntes Plakat gibt Auskunft darüber, dass Besucher hier erst wieder willkommen sind, wenn aus dem organisch gewachsenen Stadtviertel ein ethnisches Disneyland geworden ist.
Die Pläne dafür liegen bislang auf Eis. Und so sind alle auf den Tourismus ausgerichteten wirtschaftlichen Aktivitäten (Restaurants, Töpfereien etc.), die es in diesem Teil der Stadt immer noch gibt, wie ich mich selbst überzeugen konnte, als ich einen Wachmann überrumpelte und den Hügel hinauf in die Gassen rannte, de facto zur Untätigkeit verdammt und von ihren Kunden abgeschnitten. Was die Bewohner wohl davon halten, dass die Straße, die an ihrem isolierten Viertel entlang führt, Straße für das Volk heißt?
Dennoch gibt es einige, die gleicher sind als gleich. Für eine lange Überlandfahrt hatte ein Taxifahrer meinen Beförderungsauftrag an einen befreundeten „Subunternehmer“ weitergereicht. Unter Einhaltung der allgemeingültigen Geschwindigkeitsgrenzen auf den öffentlichen Fernstraßen wären wir einfach zu lange unterwegs gewesen. Also fand die Fahrt nicht in einem Taxi statt sondern in einem dicken SUV. Wir waren im Schnitt mit 100-120 km/h unterwegs und mussten nicht ein einziges Mal unsere Personaldokumente kontrollieren lassen, obwohl wir ein paar kleinere Kontrollposten passierten. Was war geschehen? Wir kamen in den „Genuss“ der Privilegien des Staates im Staat, den die Xinjiang Production and Construction Corps (XPCC) auch heute noch darstellen. Für die Kontrollposten war das Fahrzeug ganz offensichtlich als im Besitz einer dieser XPCC zu erkennen. Ein kurzer Gruß des Fahrers, und wir fuhren weiter. Über die GPS-Funktion des Handys konnte ich dann auch noch verfolgen, dass wir über Nebenstrecken oder auf offiziellem Kartenmaterial gar nicht existente Straßen fuhren, deren Benutzung ganz offensichtlich ebenfalls nur Fahrzeugen der XPCC vorbehalten ist. Auf diesen nur bedingt öffentlichen Strecken gibt es denn auch keine Geschwindigkeitskontrollen…
Wirklich einheitliche und überall in Xinjiang geltende Regeln gibt es offenbar nicht. Als Daumenregel kann herhalten, dass dort, wo mehrheitlich Han-Chinesen leben, alles sehr viel entspannter und viel weniger strikt geregelt wird. Desweiteren werden die unteren Ränge der Exekutivorgane ganz offensichtlich über den genauen Wortlaut der geltenden Sicherheitsbestimmungen genauso im Unklaren gelassen wie die allgemeine Bevölkerung. Die Unsicherheit, so offensichtlich das Kalkül, führt dazu, dass jeder einzelne Polizist eher streng als nachlässig handelt, um nicht selbst ins Fadenkreuz seiner Vorgesetzten zu geraten. Nur ist der einmalige Vorgang zu erklären, dass uns in Bohuzhen (mit dem Taxi 20 Minuten entfernt von Yanqi) ein Polizist auf der Straße hinterhergerannt kam und uns aufforderte, wir müssten uns in der Polizeistation, der er angehörte, registrieren. Er ließ nicht locker. So trabten wir zu der für unsere Bequemlichkeit zuständigen Convenience Police Station zurück, die wir ein paar hundert Meter zuvor unbehelligt passiert hatten und ließen dort unsere Reisepässe kontrollieren und registrieren. Auf meine doch inzwischen etwas ungehaltene Frage, ob wir uns in diesem Ort nunmehr alle 500 Straßenmeter in jeder Polizeistation melden müssten, wurde versichert, dass es reiche, auf Nachfragen von anderen Uniformierten Auskunft darüber zu geben, dass wir in Station Nummer 6 ordnungsgemäß gemeldet seien…
Der absolute Tiefpunkt war dann jedoch in Turfan erreicht. Und nach einem Monat unter diesen Bedingungen war ich zu einem wandelnden Vulkan geworden, der nur noch auf das letzte kleine Beben wartete um auszubrechen. Schon ein paar Tage zuvor in Kuqa wurde ich von aufmerksam beobachtenden Polizisten von einem einfachen Moslemfriedhof eskortiert, auf dem ich nichts zu suchen hätte (gleich nebenan und fest in Stacheldraht eingewickelt befand sich ein Sufi Mausoleum!). In Turfan selbst hatte schon das Fotografieren des berühmten Emin Minaretts von außerhalb des kostenpflichtigen Vergnügungsparks, der sich um Moschee und Minarett herum gebildet hat, einen uniformierten Wachmann auf den Plan gerufen, der fortan für eine halbe Stunde auf Schritt und Tritt über unsere Sicherheit wachte…
Im Laufe eines Monats hatte ich bereits die eine oder andere Moschee fotografiert, hatte hier einen Schnack mit den Sicherheitsleuten eines Gebetshauses und registrierte dort, welche Veränderungen sich unter dem neuen Sicherheitsregimne im religiösen Leben (bzw. dessen vollständiges Fehlen) ergeben hatten. Am Nachmittag eines meiner letzten Tage in Xinjiang kamen wir auf einem Spaziergang durch ein noch traditionelles Viertel von Turfan zu einer Moschee wie viele andere. Als ich meine Kamera auf die Fassade richtete, stürmte ein älterer Mann auf mich zu, hielt die Hand vors Objektiv und verbat mir das Fotografieren. Da ich schon ziemlich geladen war, folgte eine verbale Auseinandersetzung, in der ich lautstark an der Legitimität des Verbots und der Autorität dieses durch vorgezeigten Mitgliedsausweis als Parteimitglied erkennbaren und mit der Polizei drohenden Mannes zweifelte. Ich knippste ein paar belanglose Bilder der Moscheefassade und lief weiter.
Keine zwei Minuten später konnten wir die Effektivität von Chen Quanguos Maßnahmen zur Aufstandsbekämpfung bestaunen. Aus dem Nichts tauchten plötzlich mehrere Polizei-SUVs unter lautem Sirenengeheul in dieser Nebenstraße auf, und im Nu waren wir umringt von 20 Uniformierten der riot police (auf Deutsch verharmlosend Bereitschaftspolizei) in voller Kampfmontur: Stahlhelm, kugelsichere Weste, Schild, diverse Schlagstöcke, bis hin zur Maschinenpistole.
Man sei ohne Angabe eines spezifischen Grundes aus der Moschee herbeigerufen worden hieß es von seiten der Uniformierten auf meine Nachfrage, ob sie denn jetzt völlig durchgeknallt seien, eine bewaffnete Hundertschaft auf einen harmlos fotografierenden Ausländer zu hetzen. Dass das Fotografieren von Moscheen generell verboten sei konnte ich tatkräftig widerlegen, indem ich weiterhin in Mannschaftsstärke umringt mit Erlaubnis der hinter Gitter und Stacheldraht verschanzten Bewacher den Eingang einer nur hundert Meter entfernten Moschee der Hui ablichtete.
Meiner Aufforderung, mir doch bitte das entsprechende Verbot im Wortlaut vorzulegen wollte bzw. konnte auch niemand nachkommen. Als dann auch noch einer der uniformierten Bekämpfer dieses kamerabewaffneten Ein-Mann-Aufstands begann, mich mit dem Privathandy zu filmen, drehte ich den Spieß um um und dokumentierte meinerseits das Geschehen in Bildern. Am Ende löste sich nach einer Passkontrolle alles in Wohlgefallen auf (naja, nicht wirklich).
Angesichts dieses perfektionierten Unterdrückungsapparats sind die riesigen bunten Parteiparolen an Zynismus kaum zu überbieten:
und
Lang lebe Absurdistan!