Auch Gotteshäuser benötigen Schutz, selbst wenn es sich um eine Religion handelt, die in ihrem tiefsten Kern eigentlich gar keine Götter kennen sollte. Was solls. Als Reformströmung aus dem Hinduismus entstanden konnte sich auch der Buddhismus nie von diesem Rucksack voller tausender Gotheiten, Avatare, Yidams und so weiter befreien und hat auf seinem Weg nach Norden und Osten vielmehr kräftig neue Gottheiten aus den jeweiligen Vorgängerreligionen der Bekehrten eingesammelt. Und so beschützt nun auch eine Heerschar von Gottheiten verschiedenster Herkunft und unterschiedlichen Rangs die Tempel und Klöster des Vajrayana. Die 1709 in Amdo (damals Osttibet, heute Gansu) gegründete Klosterstadt Labrang ist da keine Ausnahme.
Zwei links, zwei rechts beschützen die so genannten Dharma Könige den Eingang jedes Tempels; Kubera und Virupaksha links des Eingangs die Himmelsrichtungen Norden und Westen symbolisierend, rechts Virudhaka und Dhritarashtra für die Himmelsrichtungen Süden und Osten. Beim Drücken auf eine der kleinen Schaltfächen gibt es jeweils noch ein Detail aus den Wimmelbildern.
Besonders der südliche Tür- und Schutzgott Kubera erfreut sich in Tibet großer Beliebtheit, gilt dieser doch zugleich als Gottheit des Reichtums, von dem in dieser Gegend der Welt nie wirklich viel für alle vorhanden war. Der Unförmige (so die Bedeutung seines Namens in der altindischen Sprache Pali) hat im Laufe der langen Zeit eine erstaunliche Karriere hingelegt. In vedischer, also noch vorhinduistischer Zeit galt er häufig als Verkörperung des Bösen. Wie daraus der Gott des Reichtums, der Kaufleute und der Schätze der Erde werden konte, ist rätselhaft. Aber im Hinduismus hat eine ganze Reihe von Figuren einen ähnlichen Wandel erfahren.
Kubera ist der Halbbruder von Ravana, bekannt als der Bösewicht, der im Ramayana Sita, die Frau Ramas entführt, um dann von einem Affenheer in der Schlacht um Lanka besiegt zu werden… Zuvor hatte sich Ravana jedoch des Wohnsitzes von Kubera auf Lanka bemächtigt und diesen aus Lanka vertrieben. Nur gut dass Kubera als Freund Shivas in der Nähe von dessen Wohnsitz im Himalaya noch den schönsten Garten der Weklt besaß. Da sich der Unförmige nicht so recht fortbewegen konnte, erhielt er von Schöpfergott Brahma ein magisches Gefährt, von dem aus er den Armen auf der Erde Schmuck zuwarf.
In Tibet wird Kubera heute mit einem Mungo (ein kleines Raubtier) auf der linken Hand dargestellt, das Edelsteine ausspuckt… Eine beeindruckende Karriere also vom Bösewicht aus vedischer Zeit durch den hinduistischen Pantheon zum Beschützer des Buddhismus und Türgott, der es glitzernde Kamelle regnen lässt.


Noch so eine Hauptfigue im tibetischen Buddhismus ist die grüne Tara (oben). Erst im 12. Jahrhundert hat sie es nach Tibet geschafft, nachdem sie im indischen Mahayana-Buddhismus mit 20 ihresgleichen schon neun Jahrhunderte abgedient hatte. Einer der gängigsten Legenden nach wurde sie aus den Tränen geboren, die Avalokiteshvara, der Bodhisattva des Mitgefühls vergossen hatte. So verkörpert die grüne Tara selbst das tätige Mitgefühl, schützt vor Ängsten, gewährt weltliche Wünsche und leitet praktizierende Buddhisten zur Erleuchtung. Kein Wunder also, dass sie meist im Lotussitz und mit der Geste der Wunschgewährung dargestellt wird.
Ein eher unbeliebter Geselle ist Yama, der ebenfalls aus dem Hinduismus eingewanderte Totengott (unten). Auf dem Foto unten hält er ein Rad des Lebens, das den ewige Kreis der Wiedergeburten darstellt, aus dem sowohl Hindus als auch Buddhisten den Ausweg ins Nirvana suchen. Ebenso wie die grüne Tara dient auch die Darstellung des Lebensrads als Meditationshilfe und wird je nach Grad ders Eindringens in die Lehre sehr gegenständlich oder auch hoch philosophisch und abstrakt interpretiert.
Wie gut, dass es ja auch noch Yamantaka gibt (oben). Der auch unter dem Namen Vajrabhairava bekannte Bezwinger des Todes(gottes) – Yama (Todesgott), Antaka (Bezwinger) – ist die furchterregende Erscheinungsform des Bodhisattva der Weisheit Manjushri, der besonders für die Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus von zentraler Bedeutung ist. Um den Tod zu besiegen, nimmt der Manjushri die stierköpfige Gestalt von Yama an. Er steht hier auf einem schwarzen Stier, dem Reittier Yamas, welches den Totengott seiner Macht beraubt unter sich zermalmt. Als tantrische Gottheit ist Yamantaka hier vereint mit seiner Partnerin Vajravetali (Diamantene Untote) dargestellt; zusammen symbolisieren sie die Vereinigung von Mitgefühl und Weisheit.
Yamantaka ist eine duale Meditationsgottheit (Yidam) des tantrischen Vajrayana-Buddhismus und repräsentiert die Diamantene Weisheit der höchsten Realität im Triumph über Übel, Leiden und Tod. In der tantrischen Lehre soll Yamantaka Praktizierende auf dem Weg zu der ihnen selbst innewohnenden Erleuchtung (Buddhanatur) unterstützen, deren primäres Störgefühl der Zorn ist.
Da der Gründer des als Reformbewegung des tibetischen Buddhismus entstandenen Gelugpa-Ordens, Tsongkhapa, stark durch Visionen von Manjushri beeinflusst war, steht auch heute noch dessen furchterregende Emanation Yamantaka im Zentrum der tantrischen Praktiken der Gelbmützen (Gelugpa), deren höchster Vertreter der Dalai Lama ist.
Eine ganz andere Nummer ist dieser Herr zu Pferde (unten). Es handelt sich um den insbesondere in Amdo wie man unschwer erkennen kann sehr verehrten König Gesar. Er ist der Held des vorbuddhistischen tibetischen Nationalepos und hat in einem buddhistischen Tempel oder Kloster eigentlich wenig verloren, denn anders als im Falle einer Vielzahl von hinduistischen Göttern, lokalen Gottheiten und historischen Persönlichkeiten, die in der einen oder anderen Gestalt Aufnahme in die Lehre des Vajrayana fanden, blieb die buddhistische Adaption Gesars rudimentär und oberflächlich: Als zweitgeborener Sohn des Gottes Indra sei er im Auftrag Buddhas auf die Erde geschickt worden, um hier für Recht und Ordnung zu sorgen…
Warum wird Gesar nun also im Kloster Labrang verehrt? Entweder handelt es sich um ein Zugeständnis an den volksreligiös geprägten Glauben der Pilger. Oder man könnte es auch als Bekenntnis zur tibetischen Nation interpretieren. Ein Zeichen der Opposition gegen Beijing also? Nicht nur einmal standen tibetische Klosteruniversitäten wie Labrang im Zentrum des Aufbegehrens gegen die chinesische Herrschaft.
Wie dem auch sei, dieser alte tibetische Nationalheld führt seinen Namen wahrscheinlich auf keinen geringeren als Gaius Julius Caesar zurück. In einigen tibetischen Schriften wird er als Herrscher von khrom oder phrom bezeichnet, was sich von der ostpersischen Bezeichnung hrom für das Römische Reich ableiten soll.

Hinter solchen Türen verstecken sich hingegen nicht weltliche Helden sondern die anbetungswürdigsten Personifikationen des Buddhismus.

Wenn nicht Shakyamuni, dann doch zumindest der kommende Buddha Maitreya, der je nach Lesart etwa zwischen 3.000 und 50.000 Jahren nach Siddharta Gautama erwartet wird…


