Von Ascoli Piceno aus wollten wir von der Ostseite des Stiefels an die Westküste wechseln, aber wie so häufig nicht auf direktem Wege. Erstmal ging es nach Südosten wieder in Richtung Adria. Aber wir stoppten einige Kilometer vor dem Meer in Atri.
Einziger Grund für diesen Abstecher in das Städtchen in den Abruzzen war die dortige gotische Kathedrale, oder vielmehr deren gemaltes Innenleben, von dem wir irgendwie Wind bekommen hatten. Dort hatte sich ab ca. 1460 ein gewisser Andrea De Litio im Chor der Kirche ausgetobt. Was die gemalte Auschmückung jenseits der vordergründigen Thematik des Lebens von Maria und Sprössling Jesus so attraktiv macht, sind De Litios Vorliebe für die beiläufige Darstellung des alltäglichen Lebens in den Abruzzen zu seinen Lebzeiten und sein ausgeprägter Sinn für skurrile Details.
Der heilige Lukas erscheint da schon mal als Maler einer Madonna mit Kind (ein anmaßendes Selbstporträt?), während die Lebensgeschichten des zentralen neutestamentarischen Personals sich im Alltag von Atri und Umgebung verorten lassen.
Der Kindermassenmord ist drastisch überrealistisch dargestellt.

Überall versteckt sich interessantes Personal unterschiedlicher Wichtigkeit.
Die hellen Augen der Dame rechts unten sind durchaus außergewöhnlich.
Bezüglich der Bebilderung der Hochzeit zu Kana haben Kunsthistoriker dem guten Andrea Stümperhaftigkeit unterstellt. Dieses Urteil bezieht sich nicht auf die ganz offenbar leeren Tonkrüge, obwohl diese Hochzeit ja eigentlich bekannt wurde, weil Jesus dort Wasser in Wein verwandelt haben soll. Vielmehr beziehen sich die Kritiker auf die Tischbeine, die der Tafel im Zentrum fehlen, wodurch diese in einen geradezu mystischen Schwebezustand gerät. Leider sieht man nicht, was der Mensch mit dem traurigen Gesichtsausdruck da rechts an seinem Grillspieß dreht. Der ausgemergelte Hund deutet jedoch auf ein recht frugales Mahl hin. Da hätte Jesus also noch ein bisschen nachlegen können.

Die hässlichsten geflügelten Musikanten, die ich kenne, hätte Andrea aber besser verstecken können.
Und von außen ist die Basilica di Santa Maria Assunta – sehr wohlwollend formuliert – ein gemauertes Understatement.










