


Kein Besuch in einer Geisterbahn mit balinesischen Charakteristika! Hier handelt es sich um den Pura Dalem, den Todestempel, von Ubud. Was tagsüber als normaler Tempel insbesondere für Rituale um Tod und Tote fungiert, wird an vielen Abenden ein effektvoll inszenierter Rahmen für kulturelle Aufführungen für Touristen. Jede Nachbarschaft in Bali betreibt mindestens zwei, manchmal auch drei Tempel. Pura Puseh/Pura Desa dienen den alltäglichen hinduistischen Ritualen aber auch Ratsversammlungen, und in einem Pura Dalem wird es abgründiger aber vielleicht auch zentraler, dient er doch ausschließlich Zeremonien rund um Tod, Bestattung und Kremation.

Der Pura Dalem in Ubud dürfte einer der besten Orte sein, um Kecak zu erleben, eine spezielle gesanglich-tänzerische Aufführung, die man für die Essenz der kulturell-rituellen Tradition Balis halten könnte…
Erstmalig in meinem Leben kam ich mit dem musikalischen teil von Kecak schon als Teenager in Berührung. Interessiert an allen möglichen Musikstilen, besonders solchen, die wir damals progressiv nannten, stolperte ich auch über Eberhard Schoener. Dieser recht prominente Vertreter der deutschen elektronischen Musik war gemeinsam mit dem Schlagzeuger Pete York 1975 samt mobilem Tonstudio nach Bali gereist, um eine geniale Synthese aus westlicher Synthesizermusik und Schlagzeug mit Gamelan und Kecak auf Vinyl zu bannen: Bali Agung war 1976 wohl die erste Weltmusikschallplatte, Jahrzehnte, bevor es diese Begriff überhaupt erfunden werden sollte. Irgendwann zwischen 1978 und 1980 war mir diese Schallplatte in die Hände gefallen, und ich war begeistert. Unter meinen Freunden stand ich damit allerdings ziemlich allein da. Abgesehen vom Synthesizer hörte sich das alles zu experimentell und fremdartig an.
Meine Begeisterung hielt an, und ich bewahre noch heute diesen Schatz in Vinyl auf dem Dachboden auf, obwohl ich schon lange keinen Plattenspieler mehr besitze. Lange habe ich warten müssen, aber vor ein paar Jahren gab es dann auch eine Neuauflage auf CD. Und natürlich freute ich mich ganz besonders auf Gamelan und Kecak auf Bali.

Nur soviel vorab: Es war eine absolut faszinierende Aufführung, die wir im Pura Dalem von Ubud erlebten.
Nur traditionell im Sinne von „althergebracht“ und lang überliefert ist an Kecak eigentlich gar nichts. Die Ursprünge von Kecak liegen in den frühen 1930er Jahren, und ein gewisser Walter Spies hatte wohl auch hieran seinen nicht zu unterschätzenden Anteil. Der war begeistert von dem perkussiven und mit expressiven Handgesten einhergehenden rituellen Gesänge von Frauen- und Männerchören, die den Trance-Tanz zweier vorpubertärer Mädchen in dem exorzistischen Reinigungsritual sanghyang dedari begleitet und strukturieren. Dieses Ritual ist tatsächlich wohl uralt und hat seine Wurzeln in der vorhinduistischen Zeit, wird bis heute vollzogen, ist aber ausschließlich auf den religiösen Kontext und die „Aufführung“ im Allerheiligsten eines Tempels beschränkt.
Die Geburtsstunde des modernen Kecak dürften 1931 die Dreharbeiten eines exotisierenden deutschen Films von Victor von Plessen gewesen sein, der unter den Titel Insel der Dämonen auf die Leinwand kam. Spies war als Berater, location scout, Rekrutierer der balinesischen Laiendarsteller, die hier zwecks Authentizitäts ausschließlich auftraten, und Choreograph mit von der Partie. Und so wurde auch erstmalig eine aus dem rituellen kontext herausgelöste und ans Kino angepasste Variante des sanghyang dedari auf Zelluloid gebannt: Der Frauenchor wurde gestrichen, die männlichen Sänger, die im Ritual in kleineren Gruppen im Kreis saßen, wurden in einem großen Kreis angeordnet, dem – kinematographische Notwendigkeit – auch noch ein großer Leuchter in der Mitte hinzugefügt wurde.

Damit war aber nur der erste Schritt in Richtung Kecak getan, eigentlich handelte es sich weiterhin um eine darstellung des Rituals sanghyang dedari. Allerdings entwickelte sich unter europäischen Expats (schließlich herrschten die Niederländer als Kolonialherren) und balinesischen Künstlern ein Interesse an dem perkussiven Gesang dieses Rituals losgelöst vonm religiösen Kontext. Zentral waren wohl tatsächlich Walter Spies und der Tänzer Wayan Limbak. Und da in den 1930er Jahren der erste Tourismusboom hereinbrach, kamen auch schnell wirtschaftliche Verwertungsinteressen ins Spiel…
Aus sanghyang dedari wurde Kecak. Die Frauen verschwanden (Sängerinnen und Tänzerinnen), die Trance natürlich auch. Aus perkussiven Chorsängern wurden singende Tänzer. Der Leuchter fürs kino ist bis heute zentral. Aus Ritual wurde Geschichte – Szenen aus dem Ramayana mit Rama, Sita, Hanuman, dem Bösewicht Ravana und den Chorsängertänzern als affenarmee.
Auftritt Rama.

Dazu kommt Sita.

Hanuman, Ravana, das ganze Personal.

Die Affenarmee in sängerisch-tänzerischer Aktion.

Showdown mit sprühenden Funken. Der Tourist verlangt nach mehr Spektakel.


