
So wie auf diesem Bild kann man den „Markusplatz“ in Europa eher nicht sehen, obwohl auch dort mittlerweile die chinesischen Touristen dominieren. Eher schon ist der Platz so auch in der Wüste von Nevada zu bestaunen. Und seit wann kann man unter der Rialto Brücke mit dem Auto hindurchfahren? Ist Venedig inzwischen trocken gelegt, um die Stadt vom Absaufen zu bewahren?

Die Auflösung des Rätsels ist verhältnismäßig einfach, wenn auch nicht minder schockierend. Es handelt sich um einen Nachbau eines Nachbaus der Essenz von Venedig. Zuerst entstand das um ein Spielcasino herumgebaute Luxushotel „The Venetian“ in Las Vegas. Und als man in Macao erfolgreich das Meer zwischen den beiden Inseln Taipa und Coloane zugeschüttet hatte, war das neue Land hier reif für ein weiteres Exemplar dieser vollständig aus seinem historischen und geographischen Kontext herausgelösten Version von „Venedig“.

Sehr bequem ist dabei, dass sich abgesehen von der Rialto Brücke und dem Campanile ganz Venedig in klimatisierten und fensterlosen Räumen unter Kunstlicht erforschen lässt. Die sommerliche Tropenhitze von Macao wäre ja auch nur störend. Und wie sonst könnte ganzjährig ein blauer Himmel über der Innenstadt garantiert werden?

Nur wenige Meter vom „Stadtzentrum“ erstrecken sich dann allerdings kilometerlange Korridore. Man verliert beim Navigieren durch diese immer gleich beleuchtete fensterlose Kunstwelt jegliches Zeitgefühl. Aber das ist wohl letztlich beabsichtigt, damit es ja keine Ablenkung vom Glücksspiel und Konsum durch äußere Einflüsse gibt.

Hier eine wissenschaftliche Konferenz zu veranstalten, hatte jedoch etwas Absurdes. Zeitweilig fühlte ich mich, als sei ich der Hauptdarsteller meiner ganz persönlichen „Trueman Show“. Nur das Wasser der Kanäle war denn doch ein wenig zu blau um echtes Lagunenwaser zu sein…

Man hörte von Konferenzteilnehmern, die sich vollständig der Illusion dieser künstlichen Welt ergeben hatten und tagelang keinen Fuß vor die Tür gesetzt hatten. Unser Hotel im portugiesischen Stil auf einem der letzten unverbauten Areale auf Coloane war mir dann doch die bessere Alternative.

In einigen der renovierten alten Straßenzüge der Innenstadt von Macao konnte man sich schon fühlen wie irgendwo in Portugal.

Und auch das neue Großcasino ist nicht umsonst nach der portugiesischen Hauptstadt benannt.

Der Hotelturm, der aus der Kuppel des Kasinos herauswächst und dem Vernehmen nach entweder eine stilisierte Lotusblüte oder den Kopfschmuck einer Sambatänzerin darstellen soll, dominiert symbolhaft für Glücksspiel und Kapital das gesamte Stadtbild und ist auch aus den kleinsten Gassen noch deutlich sichtbar.

Doch es gibt auch immer noch das andere, das alte Macao, jenseits der Kasinohauptstadt Asiens, jenseits der Hotelburgen und Vergnügungszentren und der unzähligen Juweliere, bei denen eventuell gewonnenes Geld gleich wieder ausgegeben werden kann.
