Von den Höhlenklöstern am Gelben Fluss brachte uns unser Taxifahrer am späten Nachmittag wieder zurück in das Stadtgebiet von Liujiaxia zurück. Eigentlich hatten wir direkt zu unserem nächsten Zielort Linxia fahren wollen. Jedoch konnten wir uns mit dem Fahrer nicht auf einen akzeptablen Preis einigen… So einigten wir uns auf die Rückfahrt zum Busbahnhof. Da wir uns mit dem Bingling Si jedoch viel Zeit gelassen hatten, wurde es ziemlich knapp für den letzten Bus des Tages nach Linxia. Es blieb uns nicht viel übrig als auf unseren Taxifahrer zu vertrauen, der vorschlug, uns an einer Straßenecke abzusetzen, wo der Überlandbus mit Sicherheit vorbeikommen und wir auf der Strecke zusteigen könnten. Da man überall in China Leute an den unmöglichsten Ecken in Langstreckenbusse zusteigen sieht und es nicht wirklich eine Alternative gab, standen wir schließlich mit unserem Gepäck in einem Vorort von Liujiaxia in der Abendsonne und warteten mit einigen anderen Leuten auf unseren Bus. Erfolgreich!
Über eine Brücke ging es auf die andere Seite des Gelben Flusses, und je näher wir unserem Zielort kamen, desto häufiger sahen wir Minarette. Jedes einzelne Dorf, so schien es, beherbergte hier gleich mehrere Moscheen. Wie es in unserem eigentlichen Übernachtungsort aussah, konnten wir dann erst am nächsten Morgen erkennen, weil wir Linxia und auch unser Hotel erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichten. Nun befanden wir uns wirklich in der tiefsten muslimischen Provinz – Linxia, Hauptort der autonomen Präfektur der muslimischen Hui. Die Straßen waren stockdunkel, und erst nach einem fünfzehnminütigen Fußmarsch erreichten wir eine Straße, in der noch ein paar Halal Restaurants geöffnet waren. Am folgenden Morgen bot sich aus unserem Hotelzimmer dann dieses Bild:

Die Stadt, die wir nur als Etappenziel auf dem Weg ins tibetisch dominierte Labrang eingeplant hatten, erwies sich als durch und durch und offen muslimisch. Welch ein Kontrast zu dem Unterdrückungsregime im muslimischen Xinjiang. Aber hier in Linxia leben ja auch die „guten“ Moslems, die Hui, die – obgleich als eigenständige Ethnie anerkannt – sich eigentlich nur im Glauben von der übergroßen Han-Mehrheit unterscheiden und ansonsten absolut systemkonform und staatstragend sind.
Da wir am selben Tag noch unbedingt nach Labrang weiter wollten, trabten wir zunächst zum Busbahnhof, erstanden die Tickets für einen Bus am späten Nachmittag und deponierten dort unser Gepäck. Wir hatten ja absolut keine Ahnung, was uns hier erwartete. Hätten wir eine Idee davon gehabt, hätten wir sicherlich einen längeren Aufenthalt eingeplant und hätten den Ort nicht nur etwas länger als einen halben Tag erkundet…
Zunächst entdeckten wir, dass die Stadt auf eine lange und noch heute lebendige Tradition als Zentrum des Gewürzhandels zurückblickt.
Eigentlich kein Wunder, denn die Stadt war unter ihrem historischen Namen schon zu Zeiten der Seidenstraße ein Handelsknotenpunkt, durch den neben dieser berühmten West-Ost-Route dazu auch die Haupthandelsroute führte, die die Mongolei im Norden mit Tibet im Süden verband. In späteren Jahrhunderten kamen nach der Islamisierung dann auch noch heute wieder aktivierte Handelsverbindungen in die arabische Welt hinzu, die mit Pilgerreisen nach Mekka einhergingen und -gehen.
Alle möglichen traditionellen Gewerbe und Manufakturen waren zu entdecken. Tofu und Reisnudeln gibt es jeden Tag frisch.
Der Metallbetrieb um die Ecke bot Kochtöpfe und Gefäße aus einem Metall an, bei dem man schon beim Ansehen die gesundheitlichen Auswirkungen von Vergiftungen zu spüren glaubt.
Ja, da waren sie wieder, die Kannen, die mich schon in Xinjiang fasziniert hatten. Niemand frage mich warum…
Die Metallkannen waren zu schwer, und das Metall schrecklich. Aber eine der „güldenen“ Plastikkannen aus örtlicher Produktion, die in aller erster Linie zur rituellen Reinigung vor dem Gebet dienen, fand ihren Weg in meinen Rucksack und damit viel später auch als Gießkanne für unsere Pflanzen in unsere Wohnung…

Die Moscheendichte der ganzen Region setzte sich hier in Linxia fort. Man könnte sagen, jeder einzelne Famileklan, der etwas auf sich hält, hat eine eigene Moschee. Oberflächlich betrachtet stimmt das sogar mehr oder weniger. Beim genaueren Hinsehen stellt sich dann jedoch heraus, dass es sich bei vielen dieser Gebetshäuser um Mausoleen für Sufi-Geistliche handelt. „Verräterisch“ ist schon die chinesische Bezeichnung gongbei für diese Mausoleen. Die Ähnlichkeit mit dem Wort gumbaz, das in Indien historische muslimische Mausoleen bezeichnet, ist einfach zu groß… Und wieder konnte ein Faden aus früheren Reisen weiter gesponnen werden. Es ist einfach eine riesige Freude, diese Verbindungen ziehen zu können.

Der Islam, der von den Hui praktiziert wird, ist in vielerlei Hinsicht sehr chinesisch. Vom Baustil der historischen Moscheen und Grabmale einmal abgesehen hat sich in dieser schon traditionell auch als Mekka Chinas bezeichneten Stadt auch der Gebrauch von Räucherstäbchen aus buddhistischen und daoistischen Tempeln durchgesetzt.

Linxia oder Hezhou ist schon lange das kulturelle und religiöse Zentrum des chinesischen Islam. In dieser Stadt wurden gleich mehrere (und in der Vergangenheit mitunter mit Waffengewalt rivalisierende) Sufi-Orden gegründet. Diese haben natürlich teils sehr imposante Mausoleen für ihre religiösen Führer hinterlassen, die auch heute noch – anders als in Xinjiang – stark frequentiert werden.

Eines der imposantesten und wichtigsten Mausoleen ist die Grabanlage von Ma Laichi, der Mitte des 18. Jahrhunderts hier die bis heute einflussreiche sufistischen Khufiyya Naqshbandi Bruderschaft gründete, nachdem er von einer mehrjährigen Hajj in seine Geburtsstadt zurückgekehrt war. Zuvor war er als jugendlicher Koranschüler in einer sufistischen Institution zum Imam ausgebildet worden, die ein Schüler Afaq Khojas (Achtung: Kashgar!) nach dessen Aufenthalt in Gansu und Qinghai in den Jahren 1671-72 gegründet hatte.

Dieses wie auch viele andere historische Sufi Grabmäler der Stadt überstanden die Zeit der Kulturrevolution nicht unbeschadet. Das heutige imposante Gebäude wurde 1986 rekonstruiert und wird von Gläubigen wieder intensiv genutzt.


So stark die muslimische Identität Linxia prägt, so allgegenwärtig auch die Symbole des Islam sein mögen, so systemkonform und angepasst sich die Hui auch verhalten mögen, stehen auch sie als Muslime letztlich unter der aufmerksamen Beobachtung des chinesischen Staatsapparates. Dies wurde uns beim Rundgang durch die noch bestehenden Viertel der Altstadt sehr plötzlich bewusst.

Ganz unvorbereitet tauchte wie aus dem Nichts ein junger Mann in Zivil auf und forderte uns auf, ihm unsere Pässe zu zeigen. Auf einer der omnipräsenten aber deutlich verdeckter angebrachten Überwachungskameras der chinesischen Polizei hatte man plötzlich Ausländer entdeckt, ohne offenbar zuvor eine Meldung über deren Anwesenheit bekommen zu haben. Das Hotel hatte scheinbar versäumt, unsere Übernachtung dort ordnungsgemäß zu melden. In dem relativ kurzen Wortwechsel erklärte uns der Zivilist, der sich so für unsere Pässe interessierte, noch, wir befänden uns schließlich in einem stark von ethnischen Minderheiten und Muslimen geprägten Gebiet, das per definitionem sehr angespannt sei…
Nach diesem Zwischenfall waren wir zwar nicht mehr ganz so entspannt wie zuvor seit wir Xinjiang verlassen hatten. Dennoch ließen wir uns unsere Entdeckungstour durch den Alltag von Linxia nicht vermiesen.
Die Leute, denen wir begegneten, reagierten auf unsere Anwesenheit von gänzlich indifferent bis freundlich neugierig.
Diese Herren hier warteten vor einer Schule, um ihre Enkel und Enkelinnen abzuholen, eine Aufgabe, die ansonsten andernorts in China eher von den Müttern übernommen wird.
Hier ist ein Hausierer unterwegs, der uns mit seinem im entwickelten Osten Chinas nur noch als Vintage und Retro zu bezeichnenden Warensortiment faszinierte.
Dort wird ein Umzug organisiert.
Teile der noch vorhandenen Altstadt sind schon touristisch herausgeputzt und haben damit stark an Charme verloren, wirken wie überall in China künstlich und geradezu desinfiziert. Dort sind wir zwar auch durchgeschlendert, aber pittoresk ist etwas anderes… Fotos davon habe ich also nicht. Der unsanierte Alltag ist spannender.
Kopftücher sollen ja eigentlich nach konservativer Auslegung dazu dienen, die Frauen von den lüsternen Blicken der Männlichkeit abzuschirmen. Was hier getragen wird, zieht die Blicke aber eher noch auf die Frauen. Und wenn es nur das Funkeln einer Strassperle im schon winterlichen Sonnenlicht ist.
Letztlich alles eine Frage des Alters…
Und einige verzichten gleich auf die Verhüllung.
Ansonsten gab es viele Leute, die einfach in der wärmenden Sonne Tee schlürfend auf Kunden warteten.
All diese Aufnahmen entstanden an nur einem Tag und innerhalb weniger Stunden. Die Geschichte, die kulturelle Tradition und die heutige Abgelegenheit der Stadt lassen mich so an einen zweiten Besuch denken…



















