Buddhismus in 3D
Asia, Travel art, Borobudur, Buddhism, culture, history, Indonesia, Java, religion, world heritage
Kindheitstraum Nummer 1 auf dieser Reise, gestern wurde er wahr! Jahrzehntelang hatte ich ihn vergessen… Aber der Reihe nach. Nach dem Frühstück gings los auf dem Motorrad durch Hitze, gleißendes Sonnenlicht und Stadverkehr. Gut 45 Kilometer Richtung Nordwesten lagen vor uns, also eigentlich keine Entfernung. Aber es stand ja noch ein Mittagsstopp auf halber strecke auf dem Programm, denn ein Restaurant mit indonesischer Küche, das ausschließlich mit allen Arten von Pilzen arbeitet, konnten wir uns nun wirklich nicht entgehen lassen: Jejamuran.
Derart gestärkt ging es weiter zu einem meiner Kindheitsträume: Schon bevor ich lesen konnte blätterte ich immer wieder in einem Bildband – „Alle Wunder dieser Welt“. Mit am meisten faszinierten mich damals ohne den Grund dafür nennen zu können die Fotos des größten buddhistischen Tempels und dreidimensionalen Mandalas der Welt – Borobudur.

Viel später auf dieer Reise besuchten wir Angkor in Kambodscha (Kindheitsraum Nummer 2) und waren einfach überwältigt. Dennoch war der Besuch des Borobudur etwas absolut außergewöhnliches. Kein anderes einzelnes Gebäude hatte je auf mich eine derart tiefe sprituelle und philosophische Wirkung wie dieser einzigartige buddhistische Tempel in Sichtweite des Vulkans Merapi. Ob bewusst oder unwissentlich gewählt, wurde diese buddhistische Kultstätte an einem Ort errichtet, die schon zu Zeiten der Megalithkultur auf Java als heiliger Ort galt. Das ergaben Ausgrabungen, die im Erdkern der Anlage zum Zweck ihrer Stabilisierung während einer der Restaurationen durchgeführt wurden.

Um das Jahr 800 erbaut zeugt der – sachlich architekturgeschichtlich gesprochen – in Form einer Stufenpyramide errichtete Tempel von der Attraktivität und Reichweite der indischen Kultur und Religionen vor 1200 Jahren weit über den indischen Subkontinent hinaus. Zugleich ist der Borobudur ein Zeugnis für ein friedliches Miteinander von Buddhismus und Hinduismus in Südostasien in diesem Zeitalter, entstand er doch etwa zur gleichen Zeit wie der Candi Prambanan östlich von Yogyakarta in etwa 60 km Entfernung.
Der Borobudur vereint in seiner architektonischen Gestaltung in unübertreffbarer Weise die gegenständlich religiöse und die abstrakt philosophische Essenz des Buddhismus. Der buddhistischen Kosmologie nach besteht das Universum aus drei übereinander geschichteten Welten, die Sinnenwelt oder Welt der Begierden, in der die meisten Menschen im ewigen Kreislauf von Wiedergeburten gefangen bleiben, die feinkörperliche Welt oder Welt der Formen, die Wohnstatt derer, die die weltlichen Begierden hinter sich gelassen haben, Körperlichkeit und Formen wahrnehmen, aber sich nicht mehr zu diesen hingezögen fühlen. Und schließlich die körperlose, formlose Welt des reinen erleuchteten Geistes, in der diejenigen, die volle Buddhaschaft erlangt haben losgelöst von jeder Körperlichkeit die Realität auf unmittelbare Weise als formloser Ozean des Nirvana erleben.
Der untersten Sinneswelt entspricht der annähernd quadratische Sockel des Borobodur mit etwa 110 m Seitenlänge, der mit seinen Reliefs über die Konsequenzen guter und schlechter Taten hinter einer fünf Meter dicken Wand aus Steinen und Erde verborgen ist und nur während der japanischen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg teilweise freigelegt worden war. Man nimt an, dass das „Verstecken“ der sinnesweltlichen Ebene schon während des Baus der Anlage notwendig wurde, weil die gesamte aus 55.000 Kubikmetern Stein bestehende Stufenpyramide stabilisiert werden musste.

Die vier darüber liegenden Galerien auf fünf quadratischem Plattformen symbolisieren die feinkörperliche Welt und sind mit insgesamt 720 figürlich narrativen Reliefs geschmückt. Dem Leben des historischen Buddha ist die untere der vier quadratischen Ebenen gewidment, während die drei oberen Galerien die 500 früheren Leben Buddhas sowie das letzte Kapitel der Avatamsaka Sutra (die Suche des Jungen Sudhana nach der letzten Gewissheit) illustrieren. Über die Darstellungen Buddhas in den Reliefs hinaus zierten insgesamt 432 große Buddhastatuen die Außenmauern dieser fünf quadratischen Terrassen, mit jeweils einer Mudra (Handhaltung), die der Himmelsrichtung entspricht, in die sie blicken.

Über den quadratischen Terrassen mit ihren gegenständlichen Darstellungen schließen sich drei runde Plattformen an, auf denen sich einst in 72 glockenförmigen perforierten Stupas 72 nach außen blickende Buddhastatuen in drei konzentrischen Kreisen um den zentralen Stupa auf der höchsten Ebene der Anlage gruppieren. Diese runden Terrassen sind es, die in ihrer stark abstrahierten Art die formlose und von der Körperlichkeit befreite Sphäre der vollkommenen Buddhaschaft symbolisieren.
Von den einst 504 Buddhastatuen fehlen heute 43 gänzlich (sie wurden in der niederländischen Kolonialzeit teilweise als Sovenirs entführt oder hohen ausländischen Gästen wie etwa König Chulalongkorn von Siam geschenkt, der insgesamt 43(!) Wagenladungen von Artefakten vom Borobudur abtransportieren und nach Bangkok schaffen ließ), und 30 sind beschädigt…



Die ganze Anlage hat die Form eines dreidimensionalen Mandalas, in dem Pilger meditierend von der Basis des Samsara im Uhrzeigersinn durch die Welt der Begierden hinauf zur vollkommenenen Buddhaschaft gelangen können. Allerdings handelt es sich um einen Tempel des mahayanabuddhismus, weshalb Religionswissenschaftler und Archäologen der Interpretation des Borobudur als Mandala widersprechen, ist dies doch nur typisch für den tantrischen Zweig ds Buddhismus. Wer mehr wissen will, sollte sich diesen englischsprachigen Artikel ansehen. Sei es wie es will, ich bin überzeugt, dass sich kaum jemand der spirituellen Kraft dieses besonderen Ortes nicht entziehen kann.
Oder konnte. Denn die Möglichkeiten des Besuchs dieser Welterbestätte wurden, wie ich kürzlich las, seit 2021 erheblich eingeschränkt. Nunmehr dürfen nur noch jeweils maximal 1200 Besucher pro Tag für jeweils eine Stunde in Begleitung eines Führers die Anlage besichtigen. Da bleibt nicht mehr viel von der einzigartigen Atmosphäre…. Schon bei unserem Besuch gab es unterschiedliche Ticketkategorien – für den normalen Besuch am Tage, den Besuch bei Sonnenuntergang und den Besuch bei Sonnenaufgang… Wir hatten unsere Hausaufgaben erledigt und herausgefunden, dass es ein (nicht ganz billiges) Hotel auf dem Gelände des Borobudur gibt, welches Gästen bei Tageslicht den freien Zugang zum Tempel ermöglicht und zusätzlich (gegen Aufpreis) den Besuch bei Sonnenauf- oder -untergang. So konnten wir am Ankunftstag den gesamten Nachmittag und frühen Abend bis fast zum Sonnenuntergang durch den Tempel wandern und am nächsten Morgen einen wahrlich mystischen Sonnenaufgang erleben (obwohl ich mich zunächst – völlig zu unrecht, wie sich herausstellen sollte – über den wolkenverhangegenen Himmel ärgerte) und die Anlage noch weitere Stunden intensiv ein zweites Mal erkunden. Am besten lasse ich die Bilder für sich selbst sprechen. Zunächst Aufnahmen vom Abend des 22.10.2019.



Das nachfolgende Foto war das letzte des Abends. Die Kamera hatte ich schon eingepackt. Also musste das Handy ausreichen…

Der zweite Tag am Borobudur begann nachtschwarz. Eine dicke Wolkendecke ließ keinen Schimmer Mondlicht und kein Glitzern eines Sterns erblicken. Und so gab es auch an keinen Anschein für einen strahlenden Sonnenaufgang mit entsprechend kitschig schönen Fotos. Enttäuschung machte sich neben der Müdigkeit breit. Aber was dann kam, war sensationell.



Buddha blickt auf den Vulkan Merapi.





