In einer anderen Welt
Asia, Society, Travel Asia, China, Karakorum, Karakorum Highway, Kunlun, Kyrgyz, mountains, nomadism, Pamir, tourism, Xinjiang, yaks
Am oberen Ende der Ghez Schlucht auf etwa 3300 m über dem Meer wartete der erste große Höhepunkt unserer Fahrt ins Pamirgebirge. Dem, was sich uns dort bot, hatte ich schon lange entgegen gefiebert und mich riesig darauf gefreut, nun viel länger in mich aufsaugen zu können, was ich 1985 nur beim Vorbeifahren bestaunen konnte. Damals war mir nur geblieben, ungläubig staunend einige wenige Fotos aus dem auf der Schotterstrecke dahinholpernden Jeep zu schießen und darüber zu spekulieren, was ich da eigentlich gesehen hatte:


Mehrere hundert Meter hohe Dünen aus grauem Sand, die sich entlang der Hänge eines immerhin bis zu 4800 m aufragenden Bergkammes auftürmen.

Was sich hier im Vordergrund je nach Sonneneinstrahlung matt graublau bis leuchtend türkis ausbreitet, war eine ziemlich große Enttäuschung, obwohl ich durch die Recherchen für die Reiseplanung bereits darauf vorbereitet war, dass die ursprüngliche von mehreren stark aufgefächerten Flußläufen durchkreuzte Schwemmlandschaft mit Sümpfen und und alpinen Grasflächen, die unzähligen Vogelarten eine Heimat und Schafen, Ziegen und Yaks der kirgisischen Nomaden Nahrung gegeben hatte, nunmehr von einem flachen Stausee vollständig bedeckt ist. Was früher nur ein stark verbreiterter Abschnitt des gleichnamigen Flusses war, nennt sich heute Bulunkol See.
Vergleicht man auf google.maps die ganz offensichtlich schon etwas ältere Kartendarstellung mit der frühestens im Winter 2015/16 ausgeführten Satellitenaufnahme des Gebiets, wird das Ausmaß der Veränderung schnell deutlich.


Mir bleibt ein Rätsel, ob das Wasserkraftwerk mit seiner recht niedrigen Staumauer wirklich den gesamten Aufwand lohnt, der mit seiner Errichtung verbunden war – von der Veränderung der ursprünglich außergewöhnlichen Natur dieser Region ganz zu schweigen. So erforderte das Aufstauen der Flüsse Bulunkol, Kangxiwa und Muji die Höherlegung und damit den Neubau des hiesigen Abschnitts des Karakorum Highways. Dabei werden die Turbinen des Kraftwerks in jedem Jahr gleich mehrere Monate still stehen, weil der flache Stausee in dieser Höhe im Winter vollständig zufriert.
Auf diesem um 90° gedrehten Satellitenbild wird die gesamte Ausdehnung der alpinen Dünenlandschaft deutlich, und die vergrößerten Ausschnitte zeigen aus der Luft, wie bizarr diese Landschaft ist. Google.maps sei Dank!



An diesen Dünen im Dreieck zwischen Pamir, Karakorum und Kunlun sind auch vor meinen ersten Blicken darauf vor 32 Jahren natürlich schon eine ganze Menge anderer Leute vorbeigekommen. Sven Hedin war selbstverständlich hier, und auch die legendäre Werbe-Expedition, die von Citroen unter dem reißerischen Titel La Croisière jaune mit geländegängigen Fahrzeugen, die halb Raupenfahrzeug (also Panzer) und halb Automobil waren, passierte 1931/32 auf ihrem langen Weg von Beirut nach Kashgar Bulunkol. Im letzteren Fall waren die Geländefahrzeuge jedoch nicht so geländegängig oder die Region ohne wirkliche Straßen zu schwer passierbar: Für Mobilität zwischen Tashkurgan und Kashgar sorgten Träger, Esel und Kamele, auf deren Rücken die zerlegten Geländewagen die letzten 165 Kilometer durchs Gebirge transportiert wurden…

Seit Bulunkol besser zugänglich ist, üben die Dünen auch eine große Faszination auf alle mit Kameras und Fotohandys bewaffneten Touristen aus. Das Internet ist voll von Aufnahmen. Warum also scheint es bisher niemanden wirklich interessiert zu haben, wie hier oben auf dreieinhalbtausend Metern über dem Meeresspiegel und von der Taklamakan durch eine Bergkette mit Gipfeln über 7000 m getrennt riesige Sandberge entstehen konnten?
Lediglich in einer Studie über die Hochgebirgsflora in der Region findet sich ein erklärender Hinweis auf das extreme Gebirgswüstenklima in diesem Hochtal. Aber war das schon alles? Gibt es solche Landschaften vielleicht in viel größerer Zahl als ich vermute? Ich jedenfalls habe nirgends auch nur annähernd Ähnliches gesehen.
Ich kann mich an diesen grauweißen Dünen nicht satt sehen. Wem das nicht so geht, der sollte jetzt schleunigst weiter nach unten scrollen…
Über die Jahrhunderte war diese Gegend immer besiedelt. Auch die frühen Reiseberichte etwa von Sven Hedin oder sogar einem deutschen Offizier, der hier im 19. Jahrhundert durchgeritten ist, um die Überlegenheit des deutschen Militärs zu demonstrieren, verweisen auf ein Dorf namens Bulunkol. In erster Linie handelte es sich dabei wohl um die gemauerten Winterquartiere kirgisischer Schaf-, Ziegen- oder Kamelhirten, die ich selbst beim ersten Besuch hier sah. Auf dem Satellitenbild ist eines direkt am Seeufer am Südwestende des Stausees gleich neben einer großen Sandzunge zu erkennen.
Auf dem gegenüberliegenden Ufer ist als moderne Retortensiedlung Bulunkou Xiang entstanden, wodurch wie an so vielen Orten in China das historische Dorf gleichen Namens (Bulungkou Cun), welches sich eben nicht dort sondern ein paar Kilometer entfernt befindet, in Vergessenheit geraten und irgendwann gänzlich von der Bildfläche verschwinden wird, weil hier in nichts mehr investiert wird, was das Leben angenehmer macht oder auch nur ermöglicht. So verändert man in China den Lauf der Geschichte.
Am Ostufer des neuen Sees, dort wo man den besten Blick auf die lange Kette der Sanddünen hat, lauern inzwischen moderne Wegelagerer, um auch dem letzten chinesischen Touristen etwas zu verkaufen. Ich tippe auf wertlose Kiesel und Felsbrocken, die als Jade gehandelt werden…
Die dort am Berghang entstandene neue Siedlung „im lokalen Stil“ ist eine Geisterstadt. Wohl als Übernachtungsort für Touristen gebaut, dürften die Investoren wohl bald bankrott sein. Denn übernachten darf hier wie überall zwischen Kashgar und Tashurgan aus Gründen der Landessicherheit und politischen Stabilität vorerst niemand.
Wie malerisch und harmonisch sich diese Siedlung in die Natur fügt… Und so voller Lokalkolorit!
Aber wer will sich schon dem Fortschritt und der wirtschaftlichen Entwicklung entgegen stellen? Leider werden Natur und Landschaft heute in China ausschließlich als wirtschaftliche Ressource für den Tourismus begriffen. Landschafts- und Naturschutz um ihrer selbst willen sind unbekannt. Aber was kann man erwarten, wenn auch Menschen, die nicht zu den 96% Han-Bevölkerung zählen, samt ihrer Kultur nur unter Vermarktungsaspekten Beachtung finden?
Doch dann gab es doch noch den Blick in eine andere und noch nicht ganz vergangene Welt. Kaum erkennbar in der Ferne des anderen Ufers erregten kleine schwarze Punkte in der Bildmitte meine Aufmerksamkeit.
Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, dass hier eine Yakherde auftauchen würde, denn die fetten Weidegründe ruhen ja inzwischen auf dem Grund des Stausees. Dennoch scheinen diese genügsamen Hochgebirgsrinder selbst in den Sanddünen und Geröllfeldern noch Nahrung zu finden.
So verlassen wir Bulunkol mit dem nur halb versöhnlichen Gefühl, einen raren Blick auf eine Szene erhascht zu haben, die Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende Normalität war und bald endgültig Vergangenheit sein wird.