Nur wenige Kilometer nach dem ersten Sehnsuchtsort kam der zweite und eigentliche erstmalig zum Vorschein. Wie eine Fatamorgana tauchte er hinter einer Kurve unvermittelt auf, chimärenhaft und unwirklich zunächst, doch zugleich mit massiver Präsenz – der Muztagh Ata, Vater der Eisberge und mit knapp über 7500 m ü.d.M. dritthöchster und zugleich östlichster Gipfel des Pamir.

Kurz darauf verschwand er wieder aus dem Blickfeld. Zu tief und zu kurvenreich ist der Einschnitt, den der Fluss Kangxiwa auf etwa 3400 m Höhe zwischen Viereinhalbtausendern, die westlich der Straße die Grenze zu Tadschikistan markieren, und den Siebentausendern östlich der Straße gefräst hat, die Übergang vom Pamir zum Kunlun einleiten.


Bevor wir den Muztagh Ata wieder sahen kamen zunächst sehr eindringlich die Vorberge und Ausläufer der Kongur-Kette ins Blickfeld.


Die Kongur Kette stellt mit dem Kongur Tagh, der als westlichster Gipfel der Kette 7649 m ü.d.M. misst, und dem weiter östlich gelegenen Kongur Tjube Tagh mit 7530 m Höhe die beiden höchsten Gipfel des gesamten Pamir.

Aber obwohl die Kette sehr eindrucksvoll aus der Hochebene wächst, konzentriert sich die Aufmerksamkeit schon immer auf den nur dritthöchsten Gipfel, den Muztagh Ata.

Wahrscheinlich weil er mit seinem Schnee- und Eisdom so isoliert und weithin eindrucksvoll sichtbar aus der Hochebene empor ragt… Lange Zeit hatte man ihn auch für höher als die Gipfel der Kongur Kette gehalten. Kein Wunder also, dass sich schon früh verspinnerte Europäer mühten den Muztagh Ata zu besteigen, die Kongur Gipfel aber links liegen ließen. Dabei ist auch diese Kette durchaus eindrucksvoll, wenn es gelingt, sich vom Muztagh Ata einmal abzuwenden.


Schon seit Menschengedenken und darüber hinaus waren die Schluchten, Täler und Hochebenen, denen die heutige chinesische Straße G314 von Kaschgar zum Khunjerab Paß folgt, wichtige Verbindungen zwischen China, Zentralasien und Südasien. Hatte ich 1985 abgesehen von kirgisischen Nomaden und bedauernswerten Soldaten der Volksbefreiungsarmee, die aus ihrer völlig isolierten Garnison heraus die ebenso porösen wie umstrittenen Grenzen sicherten, keine Menschenseele getroffen, so waren diesmal trotz touristischer Off-Season ein paar illustre Wandersleute unterwegs.
Zwar ist China bekannt dafür, dass die Abgrenzung der Aufgaben von Armee, Polizei, Miliz – oder wie all die militärischen und paramilitärischen Einheiten auch immer genannt werden – nicht immer wirklich klar ist, aber diese Jungs waren im Grenzgebiet zu Tadschikistan doch eher nicht in Sachen Landessicherung unterwegs. Und auch patriotische Propagandafeldzüge erscheinen hier in Ermangelung erziehungsbedürftigen uyghurischen Publikums wenig sinnhaft. Auch die metallenen Schlagstöcke, die sie mit sich führten, wirkten eher theatralisch denn martialisch. Welche Ordnung hätten sie hier auch vor wem schützen wollen?
Nun kam der Muztagh Ata wieder voll in den Blick. Da die Schneegrenze hier in dieser ariden Bergregion bei ca. 5900 m ü.d.M. liegt kann man die Höhe dieses dominanten Gipfels erahnen. Von den traditionell hier siedelnden Kirgisen hatte einer der ersten mit wissenschaftlichen Ambitionen durch diese Gegend ziehenden Europäer im 19. Jahrhundert enttäuscht berichtet, sie hätten kein Interesse an den Berggipfeln hier und für die allermeisten nicht einmal Namen. Vom Besteigen der Eisriesen hielten die Kirgisen natürlich noch viel weniger.
Sven Hedin war wohl nicht der erste, als er sich 1895 an der Bezwingung des Muztagh Ata versuchte – vergeblich! Die Erstbesteigung erfolgte 1956 durch eine chinesische Gruppe; der Kongur Tagh wurde erst 1981 erklettert und erfreut sich aufgrund der damit verbundenen Schwierigkeiten bis heute keiner wirklichen Popularität. Anders der Muztagh Ata. Er gilt als leicht ersteigbar, und das Internet ist übervoll von Berichten von und Pauschalangeboten für organisierte Gipfelwanderungen mit anschließender Skiabfahrt!!!
Aber erst am Ufer des Karakul Sees auf 3600 m Höhe zeigt sich der Vater der Eisberge von seiner besten Seite.
Auch ein paar letzte chinesische Touristen hatten sich hierhin verirrt. Die Auswüchse des über die letzten Jahre offensichtlich stark angewachsenen Tourismus mussten wir nur am Rande in Form von schon wieder zu Bruch gegangenen Betonkonstruktionen und Resten von Einzäunungen zur Kenntnis nehmen. Im Internet habe ich Reiseberichte gelesen, in denen davon die Rede war, der Karakul See sei weiträumig mit Stacheldraht umzäunt, um für das schöne Erinnerungsfoto mit dem Siebeneinhalbtausender im Hintergrund abzukassieren. In Dali mit den drei Pagoden aus der Tang-Zeit und am Potala in Lhasa hatte man dieses System schon in den frühen 90ern eingeführt. Am Karakul See war es allerdings ganz offensichtlich nur von geringem ökonomischen Erfolg gekrönt und deshalb wohl auch wieder aufgegeben worden. Zu weiträumig ist die Ebene und zu viele Möglichkeiten für hübsche Erinnerungsfotos gibt es auch ohne das Spiegelbild des Gipfels im Seewasser. So gab es in der absoluten Off-Season nur noch wenige halbherzige Versuche, mit der Exotik von Berg und Tier ein wenig Kasse zu machen.
Hier tauchte auch unsere uniformierte Wandergruppe wieder auf. Damit war klar: Es muss sich um einen Betriebsausflug gehandelt haben…
Chatten auf dem Smartphone in der Bergwüste des Pamir… Da wird so manch einer in good old Germany in deutlich geringerer Distanz zur nächsten Großstadt vor Neid erblassen.
Wo die Jungs nun herkamen oder noch hin wollten, blieb im Dunkel. Vielleicht kamen sie ja vom anderen Ufer des Sees, wo sich im Bild links ganz weit hinter ihnen eine Ansiedlung abzeichnet. Dort befand sich sich 1985 das einzige Grüppchen primitiver aber fest gebauter Häuser in mehreren hundert Kilometer Umkreis – die Garnison der Volksbefreiungsarmee, deren Soldaten uns damals mit Mantou (im Deutschen manchmal als Dampfbrötchen bezeichnet) vor dem Hungertod bewahrten. Ich erinnere mich noch gut an diese ersten Mantou meines Lebens: Hart, trocken und wie Wackersteine im Magen. Tja, schon Asterix wusste: Je besser die Armee, desto schlechter die Verpflegung. Aber der Hunger trieb’s rein.
Inzwischen leben dort am jenseitigen Seeufer offensichtlich sehr viel mehr Leute…
Bevor es nun weitergeht nach Tashkurgan gibt es hier noch je einen unverbauten Blick auf die Kongur Kette und den Muztagh Ata, die die Faszination erahnen lassen, die die ursprünglich ungeplante und überraschend möglich gewordene Expedition hierher im August 1985 auslöste.









