Vor gut 32 Jahren war ich das erste Mal in China. Damals wollten Chris, meine Freundin, und ich entweder nach Tibet oder nach Xinjiang. Beide Regionen waren immer mal wieder für Ausländer gesperrt oder mit Sondererlaubnis geöffnet. Der Zufall wollte es, dass Tibet geschlossen und Xinjiang zugänglich war. Und einem Glücksfall verdankten wir es, dass wir als Ausländer Nummer 3 und Nummer 4 nach der Kulturrevolution von Kashgar aus mit einem gecharterten Jeep den Karakorum Highway bis zum Muztagh Ata befahren durften. Ausländer Nummer 1 und 2 waren zwei Japaner, die im Jeep vor uns fuhren und die Möglichkeiten für Bergsteigetourismus im Pamir ausloten wollten.

Ziegen und Schafe waren nicht die einzigen Hindernisse auf der Geröllpiste, die sich damals nur wegen der Höhe über dem Meeresspiegel Highway schimpfen durfte. Straßenbau war in den 1980ern harte Handarbeit.
Fotografieren konnte ich damals fast nur aus dem rüttelnden und schüttelnden Jeep heraus; und dabei wollte jedes Bild wohl überlegt sein, denn für die gut drei Monate hatte ich „nur“ 50 Diafilme dabei. Die Lagerung der Dias über inzwischen mehr als drei Jahrzehnte haben ihre Bildqualität natürlich nicht verbessert, und das Digitalisieren führt ebenfalls nicht zu Qualitätssteigerungen. also muss ich die Bilder als das nehmen, was sie heute sind: historische Artefakte.
Genau wie heute ragten die Felsen wie eine Wand aus der Ebene, bevor die Piste am Ghez entlang über Geröll und Erdrutsche durch den Canyon schlängelte wie es der Karawanenweg auf der südlichen Seidenstraße vor tausenden Jahren getan hatte.
Damals völlig überraschend und überwältigend – wir hatten schließlich absolut keine Ahnung, welche Landschaften uns erwarten würden – tauchten nach der letzten Kurve im Canyon des Ghez dann die riesigen mit grauem Sand bedeckten Hänge bei Bulunkol auf.

Was damals sumpfige Flussniederung war, in der sich das Schmelzwasser zu einem See sammelte, ist heute unter dem Stausee begraben.

Eine kirgisische Familie ließ ihre Yaks hier weiden; und eine junge Frau sammelte sonnengetrockneten Yakdung als Brennmaterial.
Obwohl es August und damit Hochsommer war, kamen die ersten Gletscher deutlich früher ins Blickfeld als 32 Jahre später. Die Gletscherzungen des Kongurmassivs leckten deutlich weiter hinunter in die Täler.

Mitten im Nichts befand sich eine Station der Straßenbauer, die – den wirtschaftlichen Reformen sei Dank – in ihrer Kantine auch die ersten Reisenden bewirteten. Bis heute weiß ich nicht, ob meine Übelkeit mit Erbrechen am späten Abend der Höhenkrankheit oder dem seifig schmeckenden Lammfleisch hier zu verdanken war. Da ich aber danach nie wieder Anzeichen von Höhenkrankheit hatte, tippe ich inzwischen stark auf den alten Hammel auf meinem Teller. Immerhin hatte der „Autohof“ eine herrliche Aussicht zu bieten.

Wie 2017 fuhren wir auch 1985 an der breiten Schlucht des Kangxiwa entlang. Vor 32 Jahren folgte die Piste der Abbruchkante hoch über dem Fluss, der damals offensichtlich insgesamt sehr viel mehr Wasser führte. Achtung: Hier kommt der Schreiber höchst selbst in jungen Jahren…

was damals ein begrünter Canyon war, ist heute mehr oder minder ausgetrocknetes Flussbett. Anstelle des grünen Buschwerks findet sich heute nur noch Geröll.

Damals wie heute fangen zunächst die eisbedeckten Gipfel der Kongur-Kette die Blicke ein.

Und dann war er plötzlich da, massiv, imposant, dominierend, der Muztagh Ata mit dem Karakul See davor.

Hier nochmal einen Blick auf das Kongurmassiv mit der Ebene des Karakul Sees.
Am Karakul See wartete mit zwei Feldbetten in einer einfachen Jurte einer örtlichen kirgisischen Familie auch unser Nachtquartier. Was es dort jedoch weit und breit nicht gab war etwas Essbares! Damit hatten wir unbedarft und nur mit minimalen Verständigungsmöglichkeiten auf Chinesisch ausgestattet schlicht nicht gefasst gewesen. Da ich im Laufe der Reise aufgrund einer Krankheit bis auf 64 kg abgemagert war, hatte ich wirklich nicht viele Reserven, wenn ich wohl auch über Nacht nicht verhungert wäre. Die Portion Studentenfutter, die wir auf dem großen Sonntagsbazar von Kashgar erstanden hatten, erschien nicht wirklich eine gute Option zur Kalorienzufuhr, weil mein Magen inzwischen gegen das Schaf vom Mittag rebellierte. Die kleine Karawane, die über die Ebene zog, war auch nicht sehr hilfreich.
Am anderen Ende der Hochebene waren Gebäude zu erkennen. Wir dachten, es handele sich um ein Dorf und wurden irgendwie vom Fahrer unseres Jeeps aufgeklärt, dass es sich um eine Garnison der Volksbefreiungsarmee handelte. Wir brachten den Fahrer sogar dazu, den Weg dorthin zu unternehmen und saßen prompt in einem der vielen kleinen Bäche fest, die das Grasland durchflossen. Es führte tatsächlich kein Weg in die Garnison, auch wenn es von Ferne so schien.
Aber Rettung nahte, wie auf dem rechten Bild oben zu erahnen ist. Die junge Kirgisin mit dem Kamel im Schlepptau ritt zu uns und bedeutete Chris ohne Worte, sie möge sich hinter ihr auf das ungesattelte Pferd schwingen. Das Seil, an dessen anderen Ende ihr Kamel war, drückte sie kurzerhand Ausländer Nummer 1 (oder war es Nummer 2?) in die Hand, denn auch die beiden japanischen Bergsteiger teilten unser proviantloses Schicksal und waren inzwischen zu uns gestoßen, damit ihr Jeep unseren aus dem Flusslauf ziehen konnte.
Unsere kirgisische Retterin bescherte Chris ein einmaliges Abenteuer. Sie brachte sie tatsächlich in die Garnison, wo Chris mantou (chinesische Dampfbrötchen) als Notration abstauben konnte. Das war zwar echte Armeeverpflegung, die steinhart war und wie Wackersteine im Bauch lagen, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich auch Fliegen. Allerdings war ich danach ziemlich lange nicht wirklich geneigt, anderswo noch einmal mantou zu probieren. Viel später lernte ich, dass diese Dinger frisch sehr weich, fluffig und lecker sein können…
Chris ließ es sich nicht nehmen, den Staub des Tages durch einen todesmutigen Sprung in das eiskalte Wasser des Karakul Sees abzuwaschen. Ich drückte mich lieber in den Windschatten hinter einen Felsen, wo ich den abendlichen Muztagh Ata bestauen konnte, nachdem ich meinen verkrampften Magen von dem seifigen Schaf vom Mittagessen befreit hatte. Die Hochebene, der See und der majestätische Gipfel gehörten uns ganz allein. Weit und breit war keine Menschenseele .
Am folgenden Morgen brachten uns Ausländer Nummer 1 und 2 zum Winterquartier einer kirgisischen Hirtenfamilie, die sie mit ihrem Fahrer schon am Vortag besucht hatten, weil letzterer wohl mit ersteren weitläufig verwandt war.
Teilweise handelte es sich bei dem, was zunächst als Gebäude erschienenen war, lediglich um ummauerte Höfe, in denen Jurten aufgestellt waren oder das Vieh zusammengetrieben wird. Aber auch einige wenige feste, wenn auch primitive Gebäude gab es.
Begrüßt wurden wir von Sultan Ahmed und seinem Sohn.
Das 75-jährige Klanoberhaupt lud uns zum Frühstück in seine Hütte ein.
Diese Kleine sei seine jüngste Tochter, wurde uns irgendwie erklärt. Wie alt war die Kleine wohl? Vielleicht neun Jahre. Neun minus 75 – wow!
Es gab Fladenbrot und Milchtee. Besonders auf letzteres freute sich mein leerer angegriffener Magen in der Kälte des Hochgebirges besonders. Aber wie entsetzlich war der erste Schluck. Das weiße Granulat im Yakmilchtee, das ich für Zucker gehalten hatte, entpuppte sich als Salz. Nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte, musste ich eingestehen, dass meinem Magen nichts besseres hätte passieren können als dieser salzige Milchtee!
Viel gesprochen wurde nicht. Aber wir waren froh, dass wir uns mit dem Studentenfutter für die Gastfreundschaft bedanken konnten, bevor wir uns wieder auf die Piste machten und die viele Stunden lange Rüttelstrecke im Schneckentempo zurück nach Kashgar in Angriff nahmen.











