Die Wüste lebt(e)
Asia, Society, Travel agriculture, archaeology, Buddhism, chilli, culture, history, Kuqa, Silk Road, Subashi, Taklamakan, tourism
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Dass die Wüste lebt, weiß meine Generation spätestens seit der Kindheit und der gleichnamigen Disney-Doku von 1953, der in unserer Kindheit wiederholt im deutschen Fernsehen lief. Auf unserer Tour haben wir nicht wirklich viel vom Leben in der Wüste gesehen; und die fiese große Spinne war auch das einzige, was wir in den buddhistischen 1000-Buddha-Höhlen von Kizil (etwa 75 km nordwestlich von Kuqa) fotografieren durften. Und wirklich belebt war die Wüste hier nur vor deutlich mehr als 1000 Jahren. Heute langweilen sich hier nur ein paar Wachleute.
Zu sehen bekamen wir dort von den insgesamt 236 Höhlentempeln herzlich wenig – ganze zehn gänzlich unbedeutende!!!. Nur Beträge von mehreren tausend Yuan hätten uns einige ausgewählte weitere Türen geöffnet. Alle Wandbilder, für die diese Anlage berühmt ist und mit denen auch massiv um Besucher geworben wird, bleiben dem Normalmenschen verborgen. Nur ein Foto auf der überteuerten Eintrittskarte zeigt eines der verborgenen herrlichen Bilder. Verschwendete Zeit, rausgeschmissenes Geld, so mein Fazit, solange diese in ganz Xinjiang praktizierte Geldschneiderei beim Besuch historischer Stätten weiter besteht. Bleibt also nur ein Bild der Landschaft in der Gegend.

Xinjiang und damit auch die Taklamakan ist inzwischen extrem gut für den Autoverkehr erschlossen. Überall finden sich Straßen in hervorragender Qualität (Hamburg könnte sich hieran durchaus ein Vorbild nehmen, wenn ich an die Schlaglöcher vor unserer Haustür in der Innenstadt denke, die sich in diesem Winter bisher auch ohne jegliche Frosteinwirkung aufgetan haben…).

Dabei dürfte in diesen Regionen mit ihren Temperaturschwankungen von 70-90°C übers Jahr die Erhaltung der Straßen deutlich schwieriger sein.

Ob diese Verbauungen im Bild oben gegen plötzliches Hochwasser in der Schmelzwaserperiode überhaupt noch nötig ist, ist fraglich. Werden doch viele auch nur saisonale Flüsse in den Bergen rund um die Taklamakan aufgestaut.

Auch diese Straße rechts im Bild ist den chinesischen Planern der neuen Seidenstraße offensichtlich nicht gerade genug. Also muss ein Tunnel her, der die existierende Strecke um schätzungsweise einen Kilometer abkürzt.

Gute Straßen führen eigentlich in jeden Ort, aber als Individualreisender sucht man vergeblich ein öffentliches Verkehrsmittel, dass einen an das geographische Wunschziel bringen würde. Auch eine Form von regionaler Wirtschaftsförderung: kommt man nicht mit dem Touristenbus als Teilnehmer einer Pauschalreise daher, ist man überall ausschließlich auf Taxis und Mietwagen mit Chauffeur angewiesen. Reisen mit knapper Kasse ist so allerdings nicht mehr möglich.
Die visuellen Überraschungen am Wüstenrand stellten insgesamt die offiziellen Sehenswürdigkeiten klar in den Schatten. So auch hier, Chillies, soweit das Auge blickt.
Chillies zählen wie Tomaten, Goji und wohl auch Jujuben zum Roten Gold, das die Landwirtschaft in Xinjiang auf riesigen künstlich bewässerten Flächen am Wüstenrand und in den Oasen industriell produziert. Dabei sind die Chillies nicht in erster zum Verzehr gedacht. Vielmehr ist insbesondere die internationale Kosmetikindustrie scharf auf den roten Farbstoff der Früchte, und auch die Pharmabranche ist eine dankbare Abnehmerin. Richtig scharf scheinen diese hier bis zum Horizont zum Trocknen ausgebreiteten Chillies auch nicht zu sein. Sonst würde das Hündchen bestimmt nicht so unbeschwert dazwischen herumtollen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir in Sichuan einmal vor Jahren an einer Manufaktur für Chilliesauce vorbeigekommen waren. Dort waren gerade mehrere Lkw-Ladungen dieser getrockneten roten Früchte angeliefert worden, die einem ach bei vorsichtiger Annäherung sofort die Tränen in die Augen trieben. In der Chillie-Abteilung des Gewürzbasars von Old Delhi kam man aus dem Husten nicht mehr heraus, so sehr war die Luft geschwängert von Schärfe. Und hier? Nichts von alledem.
Dichter an Kuqa (etwa 25 km nördlich) finden sich Überreste der antiken Stadt Subashi, welche beweisen, dass die Wüste hier schon sehr lange belebt ist.

Eigentlich hoch oben auf beiden Seiten eines breiten, hier in die Ebene einmündenden Flusscanyons gebaut, sind heute offiziell nur die Ruinen auf dem westlichen Steilufer für Normalsterbliche zugänglich. Abgesehen davon, dass das Betretungsverbot des östlichen Stadtteils die Ruinen vor touristischen Zerstörungen bewahrt, ließ die offizielle Antwort auf die Frage nach der Zugänglichkeit des gesperrten Teils doch aufhorchen: Die östlichen Ruinen seien noch nicht hinreichend erschlossen, hieß es. Übersetzt bedeutet dies, dass dort noch keine Mauer um das Areal gezogen, keine Überwachungskameras installiert und noch kein Kassenhäuschen gebaut ist. Kommt aber bestimmt noch…

Mehr als auf diesen Fotos ist dort wirklich nicht zu sehen. Aber ein Besuch an einem kalten Morgen Ende Oktober ohne weitere Touristen hat seinen unbestreitbaren Reiz.

Der erste, der hier archäologische Grabungen durchführte, war in den letzten Jahren des Mandschureichs ein Japaner. Der buddhistische Abt und Adlige hat einiges von Bedeutung und Wert hier weggeschafft, was ihn bis heute zur Projektionsfläche antijapanischer Emotionen in China macht. Dasselbe gilt für die Europäer Hedin, von Le Coq etc., die hier als Entdecker, Abenteurer und Archäologen ebenso plünderten.
Andererseits hatte China über Jahrhunderte keinerlei Interesse mehr für die einstigen hochentwickelten Städte und Kleinreiche entlang der Seidenstraße gezeigt. Zu sehr ist bis heute der Blick der dominierenden Han auf die Geschichte und die kulturellen Leistungen von Kernchina verengt. Alles andere galt und gilt als kulturell minderwertig oder wird trotz langer historischer ethnischer, kultureller und politischer Eigenständigkeit ins chinesische Reich hineindefiniert.
Diese Überreste eines buddhistischen Tempels, der noch viel von seinen architektonischen Wurzeln auf dem indischen Subkontinent erkennen lässt, ist die besterhaltene Ruine im zugänglichen Teil von Subashi. Auf der anderen Seite des Canyons ist allerdings ein Gebäudekomplex zu erkennen, der vielleicht noch besser erhalten ist, in jedem Fall interessant aussieht.
Bis auf Weiteres sollte das gegenüberliegende Flussufer jedoch ein unerreichbarer Sehnsuchtsort bleiben. Und vielleicht ist das gut erhaltene Gebäude in der Ferne ja auch viel neuer als es den Anschein hat. Nicht aus buddhistischer sondern aus viel neuerer moslemischer Zeit?