Vielleicht ist das etwas zu hart, aber Lanzhou, die Hauptstadt der Provinz Gansu, macht doch insgesamt etwas verschlafenen Eindruck. Trotz einer Fülle moderner Bauten im Stadtzentrum und ebensolchen Vergnügungen wie in jeder anderen chinesischen Stadt auch erscheint in Lanzhou die Zeit auf symhathische Weise vor mehr als zwei Jahrzehnten stehen geblieben.

Ob dies an der großen Präsenz der muslimischen Hui liegt, an der großen Ferne der südostchinesischen Wirtschaftszentren oder an der bisweilen offenkundigen Armut größerer sehr ländlich geprägter Bevölkerungsteile, vermag ich nicht zu sagen.

An den Hauptverkehrsstraßen hocken Grüppchen von Bauern, die sich als Tagelöhner für allerlei Renovierungsarbeiten anbieten. Vor zwanzig Jahren sah das in Beijing auch nicht anders aus. Und einige der Gesichter könnten auch schon vor mehr als dreißig Jahren abgelichtet worden sein.
So lebendig wie hier der Islam der Hui scheint, so wenig scheint es andererseits eine Wiederbelebung von Buddhismus, Daoismus und entsprechender volksreligiöser Strömungen zu geben. Nur sehr wenige Tempel fielen im Stadtbild auf.
In diesem aktiven Gotteshaus hat man den buddhistisch-daoistischen Pantheon kreativ erweitert.
Hinter anderen ehemaligen Tempeltoren befanden sich Kultureinrichtungen, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatten. Aber immerhin dienen ehemalige Tempelareale auch heute noch als Treffpunkt für die Alten, die sich hier im Schönschreiben üben oder Stempel schnitzen – oder auch nur in der spätherbstlichen Sonne gemeinsam einen Tee schlürfen.

In den an die Berge geschmiegten Quartieren begegnet man noch eher Tante Emma als 7 Eleven, und die Änderungsschneiderei an der Ecke verkauft auch Wachstuch.


Das Leben in den alten – und armen – Stadtteilen findet immer noch weitgehend draußen auf der Straße statt, ganz anders, als in den gated communities, in denen sich alle in ihren Hochhaustürmen hinter Glas und Stahl verstecken.




Auch hier leben nicht nur die Alteingesessenen in den alten Stadtvierteln. An vielen Häusern kann man lesen, dass Zimmer oder Wohnungen zu vermieten sind. Diese resolute Vermieterin hier kam ganz schön ins Schwadronieren über die Vernachlässigung des Quartiers, die steigenden Preise, den irgendwann drohenden Abriss und natürlich auch die Arbeiter vom Lande und ihre Gewohnheiten…
Traditionelle Snacks gibt es natürlich auch, am besten und reichlichsten auf dem Nachtmarkt.

Unten am Gelben Fluss spannt sich die erste Brücke über die schlammig braunen Fluten und ist heute Fußgängern vorbehalten und dient als Kulisse für Erinnerungsfotos, denn viele wirkliche Sehenswürdigkeiten hat diese Stadt nicht zu bieten.
Die nostalgisch wirkenden kandierten Früchtchen sind zwar mit allergrößter Sicherheit aus lokaler Produktion, lassen sich aber als „traditionelle Delikatesse aus Beijing“ viel besser vermarkten.
Bye bye, Lanzhou.




