Willkommen in der citta ideale! Willkomen in La Scarzuola!
Halt, halt, halt! Immer langsam. Einem solchen Ort nähert man sich nicht „hoppla, hier bin ich“. Der citta ideale nähert man sich ehrfürchtig und mit angemesener Entschleunigung, und wenn diese nur durch die schlechte Zufahrtsstraße erzwungen wird… Und man kreuzt dort auch nicht einfach auf. Man ersucht beim Statthalter der Stein gewordenen Utopie um Audienz. In unserem Fall noch mit Hilfe von Campingplatzangestellten über mehrere Telefonate, in denen herausbekommen werden musste, ob und wann ein bezahlter Besuch denn genehm wäre.
Inzwischen geht das einfacher über die website von La Scarzuola. Aber auch da kann man online nur um Einlass ins Allerheiligste bitten. Sind zum gewählten Termin nicht mindestens neun andere zur Pilgerfahrt bereit, dann bleibt der Besuchswillige draußen. Basta.
Wurde die Audienz gewährt und hat man die versteckte Abfahrt von der Landstraße gefunden, wird eine hinreichend ehrfürchtige Annäherung an den Sehnsuchtsort durch die letzten zwei Kilometer bergauf auf kurvenreicher, unbefestigter und daher sehr staubiger Schotterpiste erzwungen. Auf die Schafherde trafen wir glücklicherweise noch auf einem asphaltierten Straßenabschnitt.

Steht man endlich schweißgebadet und eingestaubt pünktlich vor der Pforte – Verspätungen werden gnaden- und ausnahmslos mit Aussperrung geahndet – und begehrt den verabredeten Einlass, so heißt es erstmal Warten. Kein Star verpatzt seinen großen Auftritt durch zu frühes Erscheinen.
Effektvoll öffnet sich nach einigen Minuten eine kleine Tür, und es erscheint begleitet von einem alterschwachen Hund, einem Redeschwall und ausladenden Gesten – Marco Solari, seines Zeichens selbsternannter Bewahrer und Vollender der idealen Stadt, die sein Onkel Tomaso Buzzi entworfen und von 1957 bis 1987 gebaut hat. Im Gänsemarsch dürfen sich die Pilger nun am Großen Solari vorbeidrücken, nachdem dieser huldvoll den festegesetzten Obulus von zehn Euronen in bar entgegengenommen hat. Auf der website von La Scarzuola! (sein Selbstporträt spricht Bände) heißt es dazu:
Marco notes that he is indeed unruly, misbehaved himself, telling you to go to hell, treating you like an idiot, and stealing your 10 euros per visit.
Da der extrovertierte Marco jedoch nur weit ausladend auf Italienisch zu parlieren beliebt, ist jetzt Gelegenheit, erstmal ein paar Schritte und mehrere Jahrhunderte zurück zu gehen zu den Ursprüngen von La Scarzuola! Der heilige Franziskus soll hier 1218 sein Haupt im Schutz einer von ihm selbst errichteten Laubhütte bestehend aus Blättern einer Scarza genannten Pflanze gebettet haben und damit den Convento de la Scarzuola gegründet haben. Soweit die Legende. Unbsetritten ist, dass sich hier mindestens seit dem 14. ein Franziskanerkloster befand, das im 19. Jahrhundert aufgegeben wurde und verfiel. Bei Restaurierungen der Klosterkirche kam ein Fresko aus der Mitte des 14. Jahrhunderts zum Vorschein, das nunmehr als eine der frühesten erhaltenen Darstellungen des Franz von Assisi gilt. Zu besichtigen ist es leider nicht, da diese Kapelle sich in den Privatgemächern des Marco Solari befindet.
Nachdem das Franziskanerkloster verlassen war, blieb es bis 1956 dem Verfall preisgegeben. Dann erstand der erfolgeriche Mailänder Architekt Tomaso Buzzi das Areal, restaurierte was zu restaurieren war und zog mit seiner Bibliothek und Kunstsammlung um 1958 ein. Nachdem er sich so aus dem profanen Leben eines Architekten für die alten und neuen Villen des italiensichen Adels zurückgezogen hatte, widmete er die nächsten zwanzig Jahre seinem Projekt der idealen Stadt – en miniature.
Beeinflusst von den klassischen italienischen Gärten wie der Villa Adriana, der Villa d’Este und dem Heiligen Wald von Bomarzo machte er sich daran, die in einem Renaissanceroman von 1499 geschilderten phantastischen Gärten Architekturformen zu verwirklichen, die der Protagonist des Buches auf der Reise zu seiner Geliebten auf der Liebesinsel durchwandert. Wieviel von den Plänen Buzzis bei seinem Tod im Jahr 1981 schon verwirklicht war, ist nicht ganz klar. Glaubt man seinem Neffen und Erben Marco Solari, so gebührt letzterem die Ehre eines Großteils der Ausführung von Onkels Plänen. Unstrittig ist, dass der heutige Statthalter der mystischen Architekturlandschaft Buzzis nach Onkels Plänen weitergebaut hat.
Nachdem das geklärt wäre, können wir endlich den von Marco Solari höchst selbst geführten und wortreich – wenngleich uns überwiegend unverständlich – ausgeschmückten Rundgang beginnen.

Durch eine restaurierte Kapelle des ehemaligen klosters geht es in einen kleinen Garten mit Brunnen.

Dort hat der Besucher – wenn er denn gelassen würde – drei Wege zur Wahl, den Weg zum Ruhm Gottes (zurück in die Kapelle), den Weg des weltlichen Ruhms (Sackgasse) und den Weg der Liebe hinein in die citta ideale. Dort warten symbolträchtige, verschachtelte Architektur und insgesamt sieben Theater für immaginäre Schauspiele. Zuerst öffnet sich der Blick auf das Welttheater.
Bomarzo lässt grüßen.

Man verlässt die Weltbühne und macht sich auf zur Zirkambulation der Heiligen Stadt.
Auf dem Weg huldigt man verschiedenen Heiligtümern – oder stellt sich in Pose.
Durch einen von Yin und Yang bekrönten Schlund gelangt man in den unteren Bereich der citta ideale.
Escher lässt grüßen.
Der Turm zu Babel darf auch nicht fehlen, könnte glatt als Symbol der Formenvielfalt und architektonischen Sprachverwirrung missverstanden werden.
Ein letzter Blick aus dem Norden auf die Rückseite der weltbühne, und die citta ideale spuckt den Besucher wieder aus ins profane Leben der Hier und Jetzt.











