Nach einer langen, kalten, anstrengenden und immer wieder durch Pass- und Sicherheitskontrollen unterbrochenen nächtlichen Busfahrt von Süden nach Norden durch die Wüste erreichten wir am Morgen von Hotan aus Kuqa, uralte Oasenstadt und einstiger eigenständiger Kleinstaat unter wechselnder Herrschaft. Einerseits wollte ich unbedingt einmal die Taklamakan durchqueren, hätte mir allerdings eine Tagesfahrt gewünscht, doch die gab es mit dem öffentlichen Bus nicht. Andererseits wäre die Alternative zu dieser Nachtfahrt der Bummelzug gewesen, der von Hotan aus wieder zurück nach Kashgar und dann über Aksu in einem weiten Halbkreis die Wüste westlich umrundet, um nach 15-19 Stunden endlich in Kuqa anzukommen.

Auf den ersten Blick wirkte diese Jahrtausende alte Oasenstadt an der nördlichen Seidenstraße wie jede andere moderne chinesische Retortenstadt. Überraschend war zunächst die große Feuchtigkeit, die sich morgens als Nebel zeigte. Damit hatten wir auch im Spätherbst mit seinen schon winterlichen Nachttemperaturen nicht gerechnet.

Doch war bald nicht nur an den allgegenwärtigen Kontrollen und überdeutlichen Anzeichen von Überwachung im Zuge der letzten großen chinesischen Unterdrückungswelle zu erkennen, dass Uyghuren trotz des massiven Zuzugs von Han nach Xinjiang in Kuqa weiterhin die dominierende Bevölkerungsgruppe stellen. Es gab im Stadtgebiet noch eine ganze Reihe traditioneller uyghurischer Wohnviertel, die zum Teil auch noch auf den Anschluss an moderne Infrastruktur warteten.

Ganze Straßenzüge bestanden noch aus losem Sand. Aber hinter der nächsten Hausecke waren schon die Vorbereitung für neues Straßenpflaster zu sehen.

Wie in Kashgar oder auch in Hotan war die Hauptmoschee verlassen und verwaist. Der Hinweis in der Kollage unten auf ein Religionsgericht hat selbstverständlich nur musealen Charakter. Bei näherem Hinsehen bezeichnete das Schild denn auch nur den ursprünglichen Standort dieses Gerichtshofes nach muslimischem Recht, also den Ort an dem irgendwann in der Vergangenheit mal etwas davon zu sehen gewesen sein muss, wovon heute absolut nichts mehr geblieben ist.
Für die Kinder ist der Innenhof der menschenleeren Moschee ein willkommener Spielplatz, auch wenn das Spielzeug nur aus Plastikverpackungen besteht.

Auch die Altershierarchie ist intakt. Die ältere Schwester hat eindeutig die Hosen an.

Was geht da zwischen den beiden vor?

Ich muss gestehen, dass die Requisite meine Aufmersamkeit bisweilen stärker auf sich zog als die Darsteller.

Diese Kanne für die rituelle muslimische Waschung vor dem Eintritt in die Moschee aus Bronze nachahmendem Plastik hatte es mir einfach angetan. So war es nur eine Frage der Zeit bis ein solches Exemplar mein Gepäck ergänzte. Erst Wochen später in Gansu habe ich letztlich zugeschlagen. Und jetzt steht eine in Hamburg…
Der kleine Abstecher von der Hauptstraße auf diesen muslimischen Friedhof mit seinen malerisch überwucherten und teilweise verfallenen Gräbern zog unweigerlich eine polizeiliche Verfolgung nach sich. Mir konnte zwar keiner der herbeigeeilten Uniformierten erklären, warum das Betreten dieses Ortes nicht erlaubt sei. Ganz offensichtlich gilt aber das von Stacheldraht bewehrten Mauern abgeschirmte Grabmal eines historischen muslimischen Gelehrten auf dem Nachbargrundstück als Hochsicherheitstrakt und Anziehungspunkt für potenzielle Staatsfeinde. Dabei waren in diesem Ort beim besten Willen keine umstürzlerischen Tendenzen zu spüren. Dafür war alles viel zu sehr unter Kontrolle. Alles wirkte ausgesprochen friedlich und – soweit das angesichts der permanenten Demonstration von bewaffneter Staatsmacht überhaupt geht – entspannt.

Viele Türen entlang der Straßen waren offen und gewährten dem neugierigen Flaneur Einblicke in den Alltag.
Hier wird Holz zum Heizen eines der vielen kleinen Kanonenöfchen angeliefert, die in vielen Geschäften und Wohnungen als einzige Wärmequelle im Winter dienen.
Aber auch die Imbissstände der Stadt grillen über Holzfeuern.
Zur Luftreinhaltung trägt beides nicht bei. Aber von den chinesischen Klimazielen scheint ganz Xinjiang unberührt…


