Ganze 130 Straßenkilometer und gute vier Stunden südwestlich von Lanzhou befinden sich die nächsten und auf dieser Reise letzten buddhistischen Höhlentempel Bingling Si. Ob diese Anlage in einem Seitental des Gelben Flusses nun noch in den Kontext der Seidenstraße einzuordnen ist oder nicht, sie reiht sich ebenso in die Gruppe der phantastischen Klosteranlagen ein, die wir auf dieser Reise sahen wie sie auch in einer Reihe mit all den anderen Höhlenklöstern steht, die ich in China im Laufe der letzten Jahrzehnte schon besuchen durfte: Yungang, Longmen, Dazu und die weniger bekannten Kultstätten von Weibao Shan weit im Südwesten.

Auch für den Weg von Lanzhou zur Tempelanlage Bingling Si galt wie so häufig in China: Der Weg ist das Ziel. Der Standard für chinesische Touristen ist die Anfahrt auf der Straße bis Lijiaxia am Ufer des gleichnamigen Stausees, dem seit den 1960er Jahren ein Teil der Höhlentempel zum Opfer gefallen ist. Dann geht es mit mit der Fähre oder dem Speed Boat weiter über die gesamte Länge des Sees zur Tempelanlage. Da jedoch so spät im Jahr nicht damit zu rechnen war, dass noch ausreichend Touristen unterwegs sein würden, um den Fährbetrieb aufrecht zu erhalten, entschieden wir uns von vornherein für die längere aber spektakuläre Anfahrt mit dem Taxi durch die Berge.
Wo immer es möglich war haben die Bauern vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden Terrassen in den Lößboden gegraben oder ganze Bergkuppen begradigt, um dem an sich sehr fruchtbaren Boden in dem trockenen Klima ihre Ernten abzuringen.



Nach einer letzten Biegung kam dann aber auch der Gelbe Fluss in Sicht. So mussten wir auch darauf nicht verzichten.

Und wie wir vermutet hatten, lagen hier zwei Fähren schon für den Winter vertäut am Ufer. Weit und breit keine Touristen und damit auch keine Chance auf eine einigermaßen erschwingliche Schifffahrt.

Angesichts der sowohl reibungslosen – unmittelbar nach dem Aussteigen aus dem Bus in Liujiaxia hatten wir ein Taxi gefunden und waren uns schnell handelseinig geworden – als auch spektakulären Anfahrt hatten wir keinerlei Grund, mit unserem Schicksal zu hadern.

Bei herrlichem Herbstwetter hatten wir die gesamte Tempelanlage für uns allein. Naja, nicht ganz. Ein Bauer aus der Umgebung schleppte ein paar Vorräte durch das Tal, eine kleine Schafherde kaute am trockenen Gras, und ein einsamer Mönch verrichtete sein Tagewerk im einzigen nicht musealen Tempel des Tals.


Wir hatten uns schon darauf eingestellt, dass wir auch hier wie in Xinjiang nur einen kleinen Bruchteil der über 200 Tempelhöhlen zu Gesicht bekommen würden. Die ältesten Höhlen aus dem frühen fünften Jahrhundert, die hoch oben in der 60 m hohen Steilwand gelegen deutlich indische Einflüsse aufweisen sollen, waren denn auch tatsächlich nicht zugänglich. Der „Rest“ war aber phänomenal und bot ein Kaleidoskop der Stilrichtungen buddhistischer Kunst bis in die Ming Zeit.
Eine ganze Reihe von Wandmalereien wiesen Inhalte oder auch Stile auf, die ich so in China noch nicht gesehen hatte. Besonders spannend war der starke Einfluss tibetischer Kunst und des tantrischen Buddhismus primär aus der Zeit der mongolischen Yuan-Dynastie. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was und weiter südlich im Hochland von Gansu noch erwarten sollte.
Und dann war da ja auch noch der riesige Maitreya, der hier 27 m hoch schon seit der Tang-Dynastie an die Felswand gelehnt sitzt und auf bessere Zeiten wartet.
An der gegenüberliegenden Talseite hat dieser Buddha der Zukunft nicht nur ein paar sehr herbstliche Bäume im Nachmittagslicht im Blick. Vielmehr verbirgt sich dort in einem Tempelgebäude sein historischer Vorgänger, liegend auf dem Weg ins Nirwana.
Allein der Herbstspaziergang durch dieses friedliche Seitental des Huang He ohne jegliche Störung durch auch nur einen anderen Besucher war nach den allgegenwärtigen Unterdrückungserfahrungen und der repressiven Stimmung in Xinjiang Balsam für die Seele.




