Noch ein Ippolito
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Garten Nummer 2, Ippolito Nummer 2. Weitere Gärten werden folgen, Ippolito ist – auf absehbare Zeit – der letzte. Aber immer der Reihe nach.
Von unserem neuen Domizil, einem sehr schönen Campingplatz am Bolsena See, fuhren wir nach Bagnaia, ein kleines Örtchen mit mittelalterlichem Kern in der Nähe von Viterbo. Das kleine Mittelalterviertel – früher der eigentliche Ort – betritt man durch einen überbauten Durchgang in einer Häuserfront, die die gesamte Ansiedlung umschließt wie eine Stadtmauer. Dahinter öffnet sich bezeichnenderweise die Piazza Castello.

Auf der einen Seite des Platzes befindet sich der Eingang zur völlig eingebauten Chiesa della Madonna del Rosario.

Auf der anderen Seite öffnet sich ein weiterer, scharf bewachter Tordurchgang hineien in die engen Gassen des Ortes.

Viel zu sehen gibt es nicht. Die engen Gassen sind schattig und feucht und schmucklos.


Also nichts wie raus aus dem dunklen Mittelalter und auf die erleuchtete Renaissance. Am Ende der hohlen Gasse in der Mitte wird schon das Haupttor zur Hauptattraktion vor den Toren des ganz alten Bagnaia sichtbar – das prachtvolle Portal zur Villa Lante mit ihrer von Renaissance und Barock geprägten Gartenanlage.

Kleiner Schönheitsfehler: Heute darf man nicht wie einst standesgemäß durch den Haupteingang stolzieren, sondern muss den Umweg über einen seiteneingang nehmen. Den Eindruck, den der Gartengestalter auf den ersten Blick schinden wollte, muss man sich nun auf Umwegen erlaufen. Aber es gibt schlimmeres.
Man betritt das Anwesen der Villa Lante heute durch einen Nebeneingang an der rechten Peripherie. Ursprünglich nicht so geplant, wird so jedoch der Pegasus Brunnen mit den spuckenden Musen und dem von Liebesengeln umstellten Flattergaul sehr gut in Szene gesetzt.
Dann geht es aber erst einmal eine Etage höher und gesenkten Blickes (man will ja den ursprünglich erzeugten Eindruck vom eigentlichen Haupteingang nicht durch verfrühte Seitenblicke verderben) um den Garten herum zum Portal. So sah es also aus, wenn einem in früheren Jahrhunderten das Privileg des Zugangs gewährt wurde.

Viel Buchsbaum und hinten zwei viereckige Klötze mit einem Brunnen dazwischen, könnte der heutige von Kultur übersättigte Besucher ätzen.
Genau so sieht das Anwesen denn auch erst seit der Zeit des Barock aus. Und hier kommt der schon genannte Ippolito ins Spiel, dem das schon in der Renaissance entstandene Anwesen seit dem 17. Jahrhundert seinen heutigen Namen verdankt: Ippolito Lante Montefeltro della Rovere, seines Zeichens Herzog von Bomarzo (Achtung: Garten!). 1656 erworben blieb das Anwesen bis ins 20. Jahrhundert im Besitz dieser Familie. Ob Ippolito nun für die barocke Gestaltung des formalen Gartens vor den beiden Villen verantwortlich zeichnet oder er in ein schon barockisiertes Anwesen einzog, sei einmal dahingestellt.
Als erstes Gebäude wurde hier vom ersten Eigentümer Kardinal Raffaele Riario 1477 eine Jagdhütte für Papst Leo X gebaut, denn das Gelände war zunächst ein bewaldetes Jagdgehege. Zum Renaissancegarten mit Villa wurde das equisite Jagdrevier vom zweiten Eigentümer umgestaltet. Als neu ernannter Bischof von Viterbo hatte Kardinal Giovan Francesco Gambara das Grundstück 1568 erworben und ließ nun von 1573 bis 1578 das linke der heute zwei Gebäude (Casino Gambara) errichten und den Wald in einen üppig mit Wasserspielen ausgestatteten Garten verwandeln. Auf einem monumentalen Wandbild im Innern sieht man die damalige Gestaltung.
Gut erkennbar ist auf dem Fresko nicht nur das Fehlen der barocken Buchsbaumhecken im formalen Vorgarten. Auch den ursprünglich im Zentrum des zentralen Quadratbrunnens aufgestellten Obelisken erkennt man. Den gibt es aber schon lange nicht mehr. Nach dem Tod Gambaras, der zwar einen herrlichen Garten anlegte, aus heutiger Sicht als Generalinquisitor und Verantwortlicher für das Verbot „ketzerischer Schriften“ und diverse Todesurteile ein ziemlich schlimmer Finger war, ließ der Nachbesitzer Kardinal Allessandro Damasceni Montalto den Obelisken durch etwas prächtigeres ersetzen. Der Brunnen der vier Negerlein (Fontana dei Mori – in Italien gibt es scheinbar noch keine Debatte zur Umbennenung historischer Monumente…) huldigt den Montaltos: Vier nackte Jünglinge heben ein dreidimensionales Familienwappen in geradezu himmlische Höhe.
Auf Montalto geht auch die zweite Villa zurück, mit der die perfekte Symmetrie der Anlage verwirklicht wurde.
Zwischen beiden Villen stehend konnte Montalto sich an seinem Wappen in der zentralen Sichtachse zur Eingangspforte ergötzen. Und auch die spätere barocke Umgestaltung schwächt die mit diesem Brunnen erhobenen Anspruch keineswegs ab.
Auch in der Villa Lante steht die malerische Ausschmückung der Innenräume in einem starken Kontrast zur Schlichtheit der architektonischen Außenansicht der Gebäude. Im pfanzlichen wie auch im tierischen Inventar wird deutlich, dass Amerika für den italienischen Kirchenadel zu einer festen Größe geworden war…
Im Garten geht es hinauf zur nächsten Ebene hinter den beiden Gebäuden.
Hier wartet im Schatten großer Bäume die Tafel der Kardinäle. Dem Vernehmen nach soll an dieser langen Steintafel tatsächlich gespeist worden sein. Das Wasser soll dabei so stark aufgedreht worden sein, dass es den Steintisch überflutete und so im Schein von Kerzen und Fackeln den Anschein von Kristall erweckte, während die Vertiefung in der Mitte zur Kühlung von Wein genutzt worden sein soll.
An der Stirnseite richteten die steinernen Riesen der Fontana dei Giganti – Personifikationen der Flüsse Arno und tiber – ihre wohlwollenden Blicke auf diese Gelage.
Hier kommt dann auch noch einmal Gambara, der Großinquisitor und Gartenschöpfer, ins Bild. Das Brunnenwasser, das die beiden Riesen kühlt, ergießt sich zwischen den beiden Scheren eines Krebses (gambara) in die Tiefe.
Der Gigantenbrunnen selbst wird über eine Wasserkete (Catena d’Acqua) genannte Kaskade gespeist, alles in einer perfekten Sichtachse bis zur Eingangspforte des Gartens hinab, wodurch von der obersten Gartenebene aus gesehen auch die Tafel der Kardinäle wie ein Abschnitt eines ununterbrochenen Wasserlaufs wirkt, der in der Fontana dei Mori endet.
Zu guter Letzt in einem der Wandbilder der Villa Gambara noch ein Ausblick auf die Villa Farnese (ganz unten im Bild), mit deren namensgebenden Besitzern Gambara verwandt war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…