Kashgar 2017
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Schon auf meiner ersten Chinareise 1985 hatte es mich bis an den Südwestrand der Taklamakan nach Kashgar verschlagen. Damals durfte man als Ausländer in ganz China offiziell weniger als 200 Orte und Regionen besuchen. Xinjiang war ebenso wie Tibet mal „offen“ und mal „geschlossen“, und man benötigte unabhängig vom Touristenvisum noch eine spezielle Reiseerlaubnis. Wir standen damals vor der Wahl: Tibet oder Xinjiang. Wir entschieden uns für Xinjiang, und nach Tibet sollte ich so nach mehreren vergeblichen Versuchen erst acht Jahre später kommen.
Die Oase von Kashgar ist seit mehr als 2.000 Jahren besiedelt und bildete immer ein wichtiges wirtschaftliches und kulturelles Zentrum an einem Knotenpunkt der verschiedenen Routen der Seidenstraße. 1985 gab es zwar schon einen modernen chinesischen Teil, aber die aus ungebrannten Lehmziegeln gebaute Altstadt war seit etwa 500 Jahren kaum verändert. Das hat sich vor wenigen Jahren gründlich geändert.

Unter dem Vorwand, die Stadt erdbebensicher machen zu wollen, setzten die chinesischen Behörden zur Kahlschlagsanierung an und machten 85% der Altstadt innerhalb kürzester Zeit dem Erdboden gleich. Da gerade die Altstadt jedoch der Hauptanziehungspunkt für die inzwischen in Massen ins exotische Xinjiang strömenden Inlandstouristen war, wurde sie flugs wieder aus Beton aufgebaut – ergänzt durch „ortstypisches“ folkloristisches Schmückwerk an den Fassaden. So, wie man sich in China eben eine exotische uighurische Oasenstadt vorstellt. Wenn man überall in China das historische gebaute Kulturgut durch verbesserte historisierende Neubauten ersetzt, warum nicht auch hier? Ich habe mir verkniffen, dieses pseudo-uighurische Disney Land abzulichten…
Zwar ist praktisch die gesamte Altstadt neu aufgebaut worden – zugegeben: mit vorher nicht vorhandener Wasserver- und -entsorgung für die Häuser – und mit gepflasterten Wegen versorgt worden, wo einst knöcheltiefe Staubpisten waren. Doch gleichzeitig hat man offensichtlich auch 90% der ursprünglich hier lebenden Menschen umgesiedelt. And vielen Türen prangte eine amtliche Versiegelung. Da man jenseits der zwei touristischen Hauptachsen in eigentlich wesentlich authentischerer Weise auch auf überbordenden Fassadenschmuck verzichtete, wirkt die neue Altstadt vielerorts wie ausgestorben und verdammt trist.

Das hindert die chinesischen Behörden jedoch nicht, die wenigen Bewohner und die Mitte Oktober nach dem Ende der chinesischen Tourismussaison noch weniger Reisenden gewissenhaft zu „schützen“.
Damit das Wohlverhalten der zu Aufmüpfigkeit neigenden uighurischen Bevölkerung sichergestellt ist, gibt es Kaderbesuche.

Zum Weglaufen…

Aber die Leute arrangieren sich, und tun auch zuweilen das, was Han-Chinesen hier am dringendsten suchen – sie zeigen Lebensfreude.
Allerdings findet das alltägliche Leben anders als Mitte der achtziger Jahre nur noch selten direkt in der Öffentlichkeit der (verkehrsberuhigten) Gassen statt.
Nur die Kiddies haben sich den Straßenraum ohne motorisierten Verkehr erobert.
Doch sie drohen zur exotisch niedlichen Staffage Han-chinesischer Touristen zu werden, die hier im wilden Westen Chinas auf Expedition in der gefährlichen Wildnis Xinjiangs unterwegs sind.
Die wenigen Touristengruppen, die wir sahen, waren ausgerüstet wie auf Großwildfotosafari jenseits jeglicher Zivilisiation. Mit ihren Teleobjektiven krochen sie aber teilweise so dicht in die Gesichter der Kinder hinein, dass man glauben konnte, sie machten Serien von Makroaufnahmen von Poren und Pickeln. Warum die chinesischen Touristen entweder grell bunt oder in Trekking-Camouflage durch die Gegend liefen, hat sich mir bis zum bitteren Ende nicht erschlossen.

Zum Weglaufen…

Vom eigentlichen organisch gewachsenen alten Kashgar ist nur noch ein ganz kleines Stadtviertelchen auf einem Hügel übrig geblieben, von dem man in den achtziger Jahren den großen Sonntagsbasar überblickte.


Wie schon beschrieben hat hier außer den Bewohnern selbst niemand Zugang. Und damit vollzieht sich wohl eine schleichende Entvölkerung. Anscheinend wollte man hier auf einer kleinen Fläche einen exotisch-authentischen Teil der Stadt bewahren und zu einem touristischen Menschenzoo machen, für dessen Besuch – Beispiele dieser Art gibt es anderswo in China schon genug – der willige Tourist eine Eintrittskarte lösen muss.

Diese Pläne liegen jedoch scheinbar auf Eis. Und so verfällt die Bausubstanz langsam, während die Bewohner sich in Normalität üben, solange es eben geht. Auf meinem illegalen Abstecher auf den Hügel versicherten mir die Leute jedenfalls, dass sie sich so lange gegen eine mögliche Vertreibung wehren wollten wie möglich.
In den Straßen der neuen Altstadt rückten die Leute Stühle aus den Höfen, um sich in der Mittagssonne aufzuwärmen. Mitte Oktober wurde es doch in der Nacht schon empfindlich kalt. Da überall in China Beijing-Zeit gilt, geht hier im Westen im Oktober auch die Sonne erst nach acht Uhr auf; warm wird es bei Sonnenschein erst nach zwei.
Einige wenige der ursprünglich florierenden Gewerbe sind in der neuen Altstadt noch zu finden. Meist handelt es sich um „touristische Attraktionen“. Ein Drechsler darf dabei ebensowenig fehlen wie der uighurische Melonenverkäufer mit Doppa.
Zu den in der neuen Altstadt verbliebenen Bäckern pilgern aber auch die Bewohner der umliegenden modernen Stadtviertel. Hier bekommt man die traditionellen Brote wenigstens noch an allen Ecken frisch vom Nachbarschaftsbäcker. In anderen Städten Xinjiangs sollten wir später tatsächlich Schwierigkeiten bei der Beschaffung frischer Fladenbrote bekommen. In Khotan (chin. Hetian) zum Beispiel gibt es scheinbar fast nur noch industrielle Großbäckereien, die dann täglich Fladenbrote an Geschäfte ausliefern – längst nicht so lecker und frisch.
Versteckt in den Straßen gab es auch einen sehr improvisiert wirkenden täglichen Markt. So hatten sich die städtischen Behörden das sicher nicht vorgestellt.
Und auch ein Teppichverkäufer ist noch aktiv – auch er aber wohl primär für Touristen.
Kashgar war einst bekannt für seine lebendige Teehauskultur. Tatsächlich kann man noch heute in ein beliebiges kleines Restaurant gehen und einfach einen Tee bestellen. Dazu wird dann ein kleines Brot gereicht, das man in den Tee dippt. Damit kann man dann problemlos einen Nachmittag rumbringen und hat am Ende eine Rechnung von nicht einmal 50 Euro Cent zu zweit.
Im einzigen verbliebenen traditionellen Teehaus kommt man nicht so billig weg. Dafür bietet es aber auch ausreichend touristische Exotik. Irgendwie hat der Besitzer dieses Teehauses, das ich schon 1985 besucht hatte, geschafft, eine Balance zwischen den Interessen der alteingesessenen lokalen Teehausbesuchern und der Touristen zu bewahren. Dass das Etablissement von den alten Männern in Kashgars Innenstadt als ihr Treffpunkt akzeptiert ist, zieht auch die Touristen an.
Die drei Herren kamen nach uns, und wir luden sie an unseren Tisch ein. Verbal konnten wir uns nicht verständigen, weil keiner von ihnen Chinesisch sprach. Aber mit Gesten wurden wir sehr schnell einig, teilten Brot und Süßigkeiten miteinander und hatten gemeinsam Spaß mit den schnell zu Papier gebrachten Portraitskizzen.
Es blieb nicht unser letzter Besuch.