Es sei erlaubt, noch ein paar letzte Blicke auf die Rückseite des Muztagh Ata und seine zerklüfteten und über die letzten Jahrzehnte in ihrer Ausdehnung erstaunlich stabilen Gletscher zu werfen, bevor der Blick voran gen Tashkurgan geht.


Diese Seite des Muztagh Ata war mir 1985 beim ersten Besuch in dieser Gegend noch versperrt geblieben. Seinen heute allgemein gebräuchlichen Namen erhielt der Vater der Eisberge von Sven Hedin, der sich 1894 hier herumtrieb. Allerdings soll die Namensgebung einem Missverständnis zu verdanken sein. Hedin soll einen Kirgisen aus der Gegend nach diesem imposanten Gipfel gefragt, aber dessen Antwort falsch interpretiert haben. Höflich wie er gegenüber dem grauweißbärtigen Sven aus dem europäischen Norden war, sagte der Kirgise: „Muztagh, Ata“. Soll heißen: „Eisberg, Vater“. Aus der weit verbreiteten Bezeichnung für alle dauerhaft mit Eis bedeckten Berge im Pamir, Karakorum und Kunlun und der daran anschließenden höflichen Anrede wurde der Vater der Eisberge…
Hinter dem Muztagh Ata endet offizell (und ziemlich willkürlich festgelegt, wie mir scheint) auch der Pamir. In west-östlicher Richtung über 2500 km die Nordgrenze des tibetischen Hochlandes markierend schließt sich das Kunlun Gebirge an. Und weiter südlich verläuft dann der Karakorum. Für uns ging es in der Nachmittagssonne erstmal über eine Hochebene ohne spektakuläre neue Gipfelsichtungen.

Während sich hier Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts weites Niemandsland ausgebreitet hatte, durch das höchstens ein paar Nomaden, Kamelkarawanen und Volksbefreiungsarmeesoldaten zogen, deutet nun alles auf zunehmende Besiedlung im Zuge des Straßenausbaus hin. Selbst eine Allee hat man angepflanzt.

Unser uyghurischer Fahrer zeigte nun zunehmend Eile, wollte noch vor Einbruch der Dunkelheit in Tashkurgan, der Stätte der Steinernen Stadt ankommen, wo er zwanzig Jahre zuvor als Grenzsoldat stationiert gewesen war. Über den westlich vorbeiziehenden Grenzbergen zu Tadschikistan ging schon langsam die Sonne unter.

Nach Nordosten war das von kleinen Flussläufen durchzogene Grasland der hier nur 3000 m ü.d.M. gelegenen Hochebene von goldenem Abendlicht geflutet.

Sehr schnell senkte sich nun aber der Abend über die Ebene, die wir vom letzten Pass vor Tashkurgan aus überblickten. Und in wenigen Minuten erhellte die Abendsonne nur noch einen schmalen Streifen.


So konnten wir uns erst am folgenden Morgen ein Bild von der heute ziemlich öden Stadt mit einer durchgehenden Besiedlungsgeschichte von mindestens 2000 Jahren machen. Strategisch gelegen über einer langsam nach Süden aufsteigenden Grasebene war diese Stadt keinesfalls eine chinesische Gründung, auch wenn chinesische Geschichtsschreiber im Zusammenhang mit den heute unter chinesischer Kontrolle stehenden Gebieten Tibets und Xinjiangs immer verschleiernd von den 36 Reichen der westlichen Regionen sprechen.

Erst in der Tang-Zeit wurde hier erstmalig ein chinesischer Militärposten eingerichtet. Und dann wechselten die Besitzverhältnisse hier wahrscheinlich des öfteren hin und her. Tashkurgan ist tadschikisch und heißt schlicht Steinstadt – ein Ort mit Burg und steinerner Stadmauer eben in einem weit und breit lediglich extrem dünn von Nomaden besiedelten Gebiet.
Allen Veränderungen und auch der raschen Zuwanderung von Han-Chinesen in den letzten Jahren zum Trotz ist die Stadt und die gesamte Region hinter dem Muztagh Ata auch heute noch tadschikisch.
Die Hochebene ist schon beeindruckend und strahlt so spät im Jahr ohne die chinesischen Touristen der Hauptreisezeit Ursprünglichkeit aus.
Was ich hier zumindest fotografisch verschweige, sind die Stege, die die unmittelbar unterhalb der geschützten Reste der historischen Steinstadt Ränder des sumpfigen Graslands für den Massentourismus erschließen. Und auch ein Foto der zwei, drei Jurten hab ich mir verkniffen, weil auch sie nur folkloristische Touristenattraktion sind.
Abgesehen von der touristisch verwertbaren Burgruine, die ja nach chinesischer Lesart auch die endlos lange Herrschaft über diese Region beweist, geht man mit anderen historischen Bauwerken der muslimischen tadschikischen Bevölkerung deutlich weniger wertschätzend um. Dieses traditionelle Grab muss nicht uralt sein. Dennoch hat es wohl nur mit Glück den Straßenbau überlebt…
Dann hieß es auch schon wieder Abschied nehmen. Es war eben nur ein Abstecher aus Kashgar. Und außerdem war die Bewegungs- und Übernachtungsfreiheit für Ausländer in dieser Grenzregion doch arg eingeschränkt. Schade.
Zurück ging es Richtung Muzthag Ata über die Hochebene, die am Vorabend so golden in den letzten Sonnenstrahlen des Tages erleuchtet war. Das Vormittagslicht schien brutaler, fast grell grau, farblos.






